Samstag, 26. Juli 2014

WG-Klassikabend


Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. Diego Umaña Castros Gedanken zum Remter-05-Klassikabend
Es gibt die Schüler, die Musik verstehen, und, ja, das war’s. Denn jeder, der eine Musikstunde erlebt hat, kennt die Trennung zwischen den Menschen, die wissen, was für eine Tonleiter das ist, und denjenigen, die aus der Frage danach eine Ratestunde à la „Wer wird Millionär“ machen: A, B, C oder D. Man bemerke, die Schulregelung lässt keinen Telefonjoker zu.
So ist der Klassikabend eine Veranstaltung, die erstmal aus der unermüdlichen und harmonischen Kollaboration unserer an Kultur interessierten Lehrkräfte entsteht; und es ist eine Veranstaltung, die eine Möglichkeit bietet, zu erkennen, wie die Schüler, die besondere Fähigkeiten im Fach Musik haben, diese Musik verstehen und lieben.
Persönlich liebe ich Musik, verstehe sie aber leider nicht. Zum Verständnis der Musik ist Geist nötig, für die Ehrerbietung Herz. Um richtig zu musizieren, braucht man Herz und Leidenschaft. Doch wie klingt der Zusammenhang von Verständnis und Ehrerbietung?
Die Chorklasse WG-Cantorum während der Proben
Die noch junge Chorklasse im ersten Teil des Konzerts und die Solisten aus der siebten und achten Klasse im zweiten Teil waren ein besonderes Schauspiel und Beispiel für die Folgerichtigkeit der Bemühungen.
Das Wort „Bemühungen“ kommt mir aber nicht zutreffend vor, denn wenn man sich angeschaut hat, mit was für einem Enthusiasmus die Kompositionen und Eigenkompositionen vorgeführt wurden, dann kommt es einem so vor, als würde die Entkräftung der Mühe gar nicht vorhanden sein. Mit einer solchen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit ging alles vor sich, dass die gute Empfindung ein Lächeln bei den Zuschauern hinterließ, alles ganz unterbewusst.
Mitwirkende: WG-Cantorum mit dem Singspiel „Delayed – eine ganz besondere Reise“, Querflöten: Clara Brakebusch und Madita Kuchenbecker, Klavier: Bente Gaumert (alle 8s1) und Joshua Groza (6c), Klavier und Saxophon: Jannis Osterburg und Justus Rahmel (7m1)
Die Planung war anscheinend so lückenlos, das kein Platz für den Nachgeschmack eines gezwungen und bewussten Vorgangs zurückblieb. So führten die Klänge der Musizierenden zu einer gemeinsamen, genussreichen Gestimmtheit der Anwesenden, bemerkbar durch der verdienten Beifall.


Mittwoch, 16. Juli 2014

Philosophisches Café III: Hurricane-Phänomenologie


Hintergrund- und Vordergrundmusik. Diego Umaña Castros Präludien zu einer praktischen Philosophie des Absurden

Mein Besuch des Musikfestivals Hurricane hinterließ eine außerordentliche Menge an Eindrücken. Etwas, das für einen Phänomenologen, einen Menschen, der durch die Wirklichkeitsperzeptionen versucht, das wahre menschliche Wesen zu finden und zu ergründen, eine Menge an Arbeit bedeutet. Aber ich würde mich nicht freiwillig als ein solcher bezeichnen, wenn ich nicht Gefallen an einer solchen Tätigkeit hätte.
Musik gibt's auch bei Festivals
Meine nächtlichen Spaziergänge, inmitten dieses Tumults des Hedonismus zwischen den Zelten des Campinggeländes, waren eine große Motivationsquelle. Ich habe in diesen drei Tagen dort höchstens zehn Stunden geschlafen. Im Augenblick ist mir der Grund, warum ich nicht zusammengebrochen bin, nicht bekannt. Es lag vielleicht an der Musik, meinem übermäßigen Bierkonsum oder an der guten Laune der Menschen in meiner Umgebung. Eine Laune, die oft durch Zurufe wie „Wochenende!“, „Saufen!!“, „Scheiß Arbeit!!!“ meine Aufmerksamkeit erregten. Dieser Zusammenhang ist zu klären.

Ein Festival ist in zwei Gebiete unterteilt: das Festivalgelände und das Campinggelände. So sind auch die gesammelten Eindrücke in zwei Empfindungen geteilt. Die Empfindung des absurden Beisammenseins und die Empfindung der Geschmackstrennung.

Das absurde Beisammensein ist die Empfindung des Campinggeländes. Wenn so viele Menschen zusammen zelten, sich fast ausschließlich von Bier und mitgebrachten Dosengerichten ernähren und es manchmal dazu kommt, dass sie Drogen konsumieren, bildet sich eine einzigartige Atmosphäre. Diese Menschen verzichten auf die Wärme ihrer Betten und auf die Bequemlichkeit der normalen Körperpflege. Alle teilen diesen Verzicht, aber auch den Gewinn, der dadurch entsteht. Der Gewinn ist ein Erlebnis der „Niveaulosigkeit“.

Wenn man sich um vier Uhr morgens erwachsene Menschen anschaut, die zu „I’m a Barbie Girl“ abgehen, ist die Sinnlosigkeit ersichtlich. Die Tanzenden würden sich aber mit Sicherheit nicht im Alltag wiedererkennen. Wenn doch, würde eine gewisse Scham zu erspüren sein. Ernsthaftigkeit ist die Schwelle, die uns von dieser „Niveaulosigkeit“ trennt. Doch nennen wir diese Empfindung besser „Absurdität“, denn jeder von uns trägt diese Absurdität in sich.
Praktischer Hedonismus
Die Gesellschaft und Kultur kontrolliert ganz vernünftig diesen Teil in uns, mit ihren Regelungen und Gesetzen. Man ist nur in bestimmten Situationen bereit, ihr zu folgen: erst nach einem Impuls ist der Absurditätsausbruch befolgbar. Ich kann nicht aus meiner Laune heraus, während ich durch die Stadt gehe, „Strafbier!!!“ rufen. Ich könnte es, würde dann aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. So ist das Erlebnis, das Festivalbesucher genießen, die Möglichkeit, dieser Absurdität gemeinsam zu folgen. Das, was auf dem Festivalgelände vor sich geht, unterliegt einer anderen Natur.

 Die zweite Empfindung ist die der Geschmackstrennung: Es gibt eine Mannigfaltigkeit an Konzerten für den jeweiligen Musikgeschmack des Besuchers. Ich mag diese Band und gehe dahin, um sie mir anzusehen. Vor einem Augenblick noch waren diese Menschen in einem Kreis und sahen jemanden, der sich ein Bier in vier Sekunden eintrichterte, jetzt trennen sie sich zu den Konzerten, die jeder Einzelne sich anhören möchte. Das Beisammensein wird durch den Musikgeschmack abgelöst. Dieser Geschmack ist eine Neigung des Einzelnen und damit Teil des individuellen Charakters. Wenn der Kern des Beisammenseins die Absurdität ist, dann ist der Kern der Geschmackstrennung die Singularität. Dieses Etwas, das uns einzigartig macht, aber das uns trotzdem trennt.

Auf der einen Seite ist die Absurdität das, was uns vereint, und auf der anderen die Singularität, die uns trennt. Im Alltag sind beide zu finden. Die Absurdität lässt sich als eine Hintergrundmusik beschreiben und die Singularität als Vordergrundmusik. Im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen bekommen wir nur die Vordergrundmusik zu spüren. Nur wenn es zu einem Bruch dieser Ernsthaftigkeit kommt, ist die Hintergrundmusik hörbar.

Jeder von uns besitzt die Absurdität und die Singularität in sich. Bei Events wie Musikfestivals, am Wochenende saufen gehen oder dem Public Viewing eines WM-Spiels ist dieser Bruch zu spüren: in dem Augenblick, wo jeder „Tor“ ruft, zu einem Lied mitsingt, also auf seine Singularität verzichtet – wegen der höheren Empfindung einer geteilten Absurdität. Es ist unvermeidlich, dass ich die Absurdität des Menschen, der vor mir steht, nicht spüren kann. Dennoch sollte an der Existenz einer solchen geteilten Wesenseigenschaft beim alltäglichen Umgang gedacht werden. Ein Einklang zwischen den zwei vorhandenen Melodien sollte angestrebt werden, um ein friedliches Leben zu führen.

Und es findet sich zwischen diesen beiden Melodien eine dritte, die beide in sich trägt. Diese enthält unsere Träume, Hoffnungen, Geheimnisse, Ängste, die Summe aller persönlichen Neigung, unsere Erinnerungen. Unsere Vergangenheit und unsere Zukunft. Das unwirkliche Ich, die absurde Singularität. Im Augenblick.

Nach dem Exzess ist vor dem Exzess. Das erstrebte friedliche Leben?
Dieses Etwas ist als Ganzes nie zu spüren. Nur Abschnitte kann das Bewusstsein sich vergegenwärtigen: eine konfliktschaffende Vergesslichkeit der Mischung beider Melodien. Die Singularität ist das, was die anderen von ihr spüren. Die Absurdität ist das, was wir manchmal zu spüren bekommen. Diese Musik ist die wahre Identität. Der Einklang von Hintergrundmusik und Vordergrundmusik. Das, was wir dauerhaft spüren, aber dennoch nicht gänzlich fühlen können. Konflikte entstehen, wenn Menschen nur aus Ihrem Empfinden der Vordergrundmusik ihr Handeln begründen und dabei die Existenz der Identität und Absurdität vergessen. Um ein friedliches Leben zu führen, ist eine Konzentration nötig.

Man kann sich die Existenz dieser drei Wesenseigenschaften nicht vorstellen, sondern muss sie spüren. Kurz schweigen und hören, welche Musik in unserem Wesen spielt.
  • Unser Autor Diego Umaña Castro gehört zur Abiturientia 2014. Er stammt aus Kolumbien. 2008 kam Diego nach Deutschland und ist seitdem auch WG-Schüler. Er plant, Chemie und danach Philosophie zu studieren. Dann will er in seinem Heimatland politisch aktiv werden. Sein Denken ist u. a. beeinflusst von den französichen Existentialisten Jean-Paul Sartre und Albert Camus sowie Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Außerdem ist Diego Anhänger der Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus.


Fotos: Diego Umaña Castro und Ben-Ole Holtz

Freitag, 11. Juli 2014

Nachgefragt: Herr Kuttig

Zu viele Vorschriften hemmen die Kreativität. Paula Caesar im Gespräch mit Ulrich Kuttig

Größe:
       1,76 cm
Haarfarbe:
       mehrheitlich grau
Augenfarbe:
       blaugrau
Herkunft:
       Deutschland,
       Thüste
Hobbys:
       Fotografieren,
       Pflanzen, Lesen,
       Fahrrad fahren
Geburtstag: 04.10.1964
Status: unterrichtet Kunst und Deutsch

Warum sind Sie ans WG gegangen?
Ich habe mich nicht direkt am WG beworben. Ich kannte die Schule nicht. Vorher war ich an einer Schule, die weit weg war, und weil ich keine Lust mehr auf die langen Autofahrten hatte, habe ich mich für eine Braunschweiger Schule beworben. Und am WG war wohl gerade eine Stelle frei!

Wie lange unterrichten Sie schon am WG / insgesamt?
Insgesamt unterrichte ich seit 15 Jahren, am WG seit 12 Jahren.

Wieso sind sie Lehrer geworden?
Ich wusste ganz lange nicht, welchen Beruf ich erlernen sollte. Ich wollte aber immer in einem Bereich arbeiten, von dem ich glaubte, dass er für mich und für andere Menschen von großer Bedeutung wäre. Da hatte ich als erstes die Kunst entdeckt, wo es, allgemein gesagt, darum geht, sich ein Bild von der Welt, und also auch von sich selbst, zu machen. Ich wollte also ein berühmter Künstler werden. Nach einer Weile bemerkte ich, dass meine Bilder mit denen, die frühere und berühmte Künstler gemacht haben, nicht konkurrieren können. Aber mir fiel auch auf, dass mich das künstlerische Arbeiten dennoch weiter sehr interessierte und dass es mich auch interessierte, Künstler, ihre Werke und ihre Zeit kennenzulernen. Und den Vorgang des Lernens überhaupt fand ich sehr spannend, und zwar nicht nur das Lernen in der Schule. Weil das ja etwas ist, das für jeden Menschen von großer Bedeutung ist. Die Leute, die am meisten lernen, sind Kinder und Jugendliche. Erwachsene lernen viel weniger. So war ich also in einem Bereich, den ich gesucht hatte.

Was gefällt ihnen am meisten daran, Lehrer zu sein?
Es gibt vieles, was mir daran gefällt. Die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, bereichern mich. Es ist ein Beruf, in dem es mir kaum jemals langweilig wird.

Was gefällt ihnen daran nicht?
Mir gefällt es nicht, wenn zu viele Vorschriften für die Schule gemacht werden. Zum Beispiel gefällt mir das Zentralabitur nicht. Das Lernen in der Schule ist auch abhängig davon, welche Schüler und welche Lehrer zusammenkommen. Je mehr man das berücksichtigen kann, umso intensiver wird das Lernen. Wenn es aber zu viele Vorschriften gibt, kann man das nicht mehr so gut berücksichtigen. Man lernt weniger, vor allem weniger von dem, was für einen selbst wichtig ist. Das gilt besonders im Fach Kunst. Es ist ok, wenn es einen Rahmen gibt, aber in dem muss man sich bewegen können. – Es gefällt mir auch nicht, schlechte Noten zu geben!

Ist es sehr anstrengend?
Ja, es ist oft anstrengend. Man nimmt viele Gedanken und viel Arbeit mit nach Hause. Ich empfinde es auch oft als schwer, die Arbeit abzuschließen. Wenn man in einer Fabrik arbeitet, dann weiß man, sobald man draußen ist, hat man frei. Das ist als Lehrer anders.

War das früher schon ihr Traumberuf?
Als ich Schüler war, wollte ich niemals Lehrer werden. Ich habe es damals sehr stark empfunden, dass Lehrer und Schüler Rollen spielen. Das hat mich sehr befangen gemacht und durcheinander gebracht.

Wenn nein, was dann? Wieso?
Früher wollte ich Künstler werden, weil ich gerne zeichnete und malte und weil ich für meine Zeichnungen und Gemälde viel Lob und Anerkennung bekam.
Ich habe, bis ich Lehrer wurde, ungefähr 35 Jobs gemacht. Dadurch habe ich großen Respekt vor der Arbeit von anderen bekommen. Ich habe zum Beispiel Maschinen gereinigt, wo hinterher die Maschine sauber war, aber man selber völlig verdreckt, oder unglaublich monotone Arbeiten. Deswegen schätze ich den Beruf, den ich jetzt habe sehr und gleichzeitig gefällt es mir nicht, wenn jemand z. B. die Putzfrauen im WG und ihre Arbeit nicht respektiert.

Wieso unterrichten Sie Deutsch und Kunst?
Deutsch beschäftigt sich mit Sprache und Kunst mit Bildern. Das sind die wichtigsten Möglichkeiten, wie wir Menschen uns verständigen können. Und das finde ich faszinierend.

Da Sie ja die Homepage machen: Sind sie ein Computerfreak?
Ein Freak ist ein Verrückter. Also, verrückt nach Computern bin ich nicht, obwohl es mir manchmal schwer fällt, den Computer abzustellen.

Warum sieht die Homepage so aus, wie sie aussieht?
Herr Gründel hat die WG-Homepage als erster bearbeitet. Von seiner Gestaltung habe ich einiges übernommen und vieles auch verändert, weil die Homepage mit der Zeit für die Schule als Informationsmöglichkeit immer wichtiger wurde. Das Design ist jetzt sieben Jahre alt, und ich würde es gerne etwas modernisieren, aber im Moment habe ich dazu keine Zeit.

Machen Sie bei sich zuhause auch Kunst?
Ich male gerne mit meiner Tochter gemeinsam Bilder. Außerdem mache ich Fotos.

Unterrichten Sie lieber Unter-, Mittel- oder Oberstufe, und warum?
Es gibt da eigentlich keine großen Unterschiede. Ich habe festgestellt, dass Schüler in jedem Alter gerne Kunst machen. Beim künstlerischen Arbeiten wird man nicht automatisch mit steigendem Alter immer „besser“. Manches können jüngere Kinder sogar besser als ältere oder gar Erwachsene.

Wie würden sie sich selber einschätzen?
In welcher Hinsicht? Als Lehrer? Mal besser, mal schlechter. Da ich aber ab und zu mal Lob von Schülern bekomme, wird es insgesamt wohl ganz ok sein.

Was können sie besonders gut?
Ich kann besonders gut Bilder in Rahmen befestigen, so dass sie völlig gerade sind, und das, ohne mit dem Lineal zu messen!

Was machen Sie, wenn sie nichts für die Schule tun?
Ich arbeite z. B. im Garten. Ich interessiere mich sehr für Pflanzen. Ich spiele oft „Kniffel“ mit meiner Tochter.

Wer ist Ihr Lieblingskünstler?
Ich habe nicht einen Lieblingskünstler, sondern bewundere viele Künstler für ihr Werk. In meiner Jugend mochte ich Albrecht Dürer, weil er jedes Detail beobachtete und in seinen Bildern wiedergab. Im Studium habe ich mich viel mit Joseph Beuys beschäftigt. Die letzten Künstler, die ich auch durch den Unterricht näher kennengelernt habe, waren Gerhard Richter und Wim Delvoye. Es gibt aber auch viele „Lieblingskünstler“ in meiner näheren Umgebung, z. B. Herrn Upit, der ein Multitalent ist, oder Herrn Jaeger, der sehr gut zeichnen kann und eine sehr schöne Handschrift hat. Auch Schülerinnen und Schüler überraschen mich immer wieder mit ihren künstlerischen Fähigkeiten.


Freitag, 27. Juni 2014

Exkursion nach Berlin

Alles in Trümmern. Eindrücke des Seminarfachkurses „Ambiguität“zu Joseph Beuys und Andy Warhol anlässlich einer Exkursion zum „Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart“ in Berlin


 
Joseph Beuys: Das Ende des 20. Jahrhunderts (1982-83)
 
 
  
Joseph Beuys: Unschlitt (1977) ...
... härtendes Fett, noch immer warm im Innern.
Andy Warhol: One Multicolored Marilyn (1979/86)
   

 
  


Mittwoch, 25. Juni 2014

Philosophisches Café II: Wahrheit und Unwahrheit


Wahrheit und Unwahrheit. Diego Umaña Castro über falschen Idealismus in Kolumbien und überall

Ich habe Recht, und du hast Unrecht. So hört sich der Umgang mit Wahrheiten heutzutage an. Jeder hat seine Vorlieben und seine Absichten. Das scheinen die Grundbausteine jeder Identität zu sein.

In unserer pluralistischen Gesellschaft wird von allen gefordert, dass sie die anderen tolerieren. Es macht zumindest den Anschein, als gelänge das problemlos. Aber tatsächlich urteilen wir ständig über andere, aus reiner Bequemlichkeit. Wir ordnen die Menschen, die vor unseren Augen ihr Dasein genießen, beim Anblick ihrer Oberflächlichkeiten einer dazu passenden Gruppierung zu, fast automatisch. Von Äußerlichkeiten schließen wir auf Absichten und Vorlieben. Der Mensch wird so zu einer Ansammlung von Vorstellungen.

Mir scheint aber, als gäbe es mehrere Spiegelungen unseres Selbst, und zwar bei jedem Menschen, mit dem wir Kontakt haben. Keine stimmt mit den anderen überein. Und das Bild, das wir von dem Menschen vor uns haben, wird nie übereinstimmen mit ihm selbst, nie wird seine Vergangenheit, Zukunft, werden seine Träume und Absichten gänzlich zum Ausdruck kommen – durch unsere Wahrnehmung von ihm.

So kommt es im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen zu Auseinandersetzungen. Warum? Auseinandersetzungen im Allgemeinen sind auf eine Gegensätzlichkeit zurückzuführen. Zwei Dinge, die sich widersprechen, könnten durch eine Mediation zu einem Ergebnis führen, das beide Parteien zufrieden stellt. Aber wer hat Zeit für eine Mediation im Alltag? Niemand.

Ein Seitenblick in die Politik. Die westeuropäische Politik kennt wenig offene Auseinandersetzungen über Interna, außer vielleicht über komische Bahnhofsprojekte wie Stuttgart 21, oder es gibt Leute, die sich darüber ärgern, das ausländischen Geheimdienste sie ausspionieren. Aber wie naiv muss man sein, um sich nicht vorstellen zu können, dass wir in dieser kaputten Gesellschaft ständig überwacht werden? An dem Tag, an dem wir angefangen haben, mehr Zeit im Internet zu verbringen als draußen unter dem schönen blauen Himmel, haben wir auf unsere Privatsphäre verzichtet.

Um die Problematik einer Auseinandersetzung zu erläutern, eignet sich das politische Geschehen in Westeuropa nicht. Begeben wir uns also zu Orten, wo politische Konflikte und keine langweiligen Skandale und Geldkrisen noch auf altmodische Weise gelöst werden, mit Blei.

In meinem Heimatland Kolumbien geht seit vierzig Jahren ein blutiger Bürgerkrieg vor sich. Linksextremistische und rechtsextremistische Guerillas tun so, als seien sie die Verkörperung des Viet Cong auf südamerikanischen Territorium. Die FARC Guerilla hat nicht mitbekommen, dass es die Sowjetunion nicht mehr gibt und dass der Kommunismus schon einmal die Chance hatte, um zu zeigen, welche politische Erfolge er erreichen kann.

Wenn bewaffnete Menschen sich in den Regenwald zurückziehen und ständig aus einer schlecht übersetzten Version von Karl Marx’ „Das Kapital“ vorgelesen bekommen, kann nichts Vernünftiges dabei herauskommen. Die Gegenspieler dieser kommunistischen Freiheitskämpfer – wir alle wissen was Kommunisten machen, wenn sie zu viel Macht bekommen; persönliche Freiheit steht dabei nicht im Vordergrund – sind bezahlten Milizen, die einer faschistische Gehirnwäsche zum Opfer gefallen sind. Was diese Menschen mit Kettensägen machen, endet in einem Massengrab.

Die traditionelle politische Schicht, die sich eigentlich auf keine Seite des Konflikts stellen dürfte, um eine Mediation zu ermöglichen, hat es dennoch gemacht. Das konservative Militär kooperiert mit den Milizen. Verbündete gegen den Kommunisten. Seit vier Jahre hat sich die Situation teilweise verbessert, zumindest ist jetzt die politische Schicht ebenfalls polarisiert: zwischen denen, die keinen Bürgerkrieg mehr wollen, und denen, die davon profitieren. Ein Bürgerkrieg ist ein ausgezeichneter Nährboden für Drogen- und Waffenhandel. Diese Auseinandersetzungen sind darauf zurückzuführen, dass manche Menschen glauben, es besser zu wissen als andere. Zum Bespiel in der Form eines politischen Ideals. Idealisten sind konfliktschaffende Menschen.

Was für eine Folgerung lässt sich daraus für unser Alltagsleben ableiten? Wie können wir Konflikte vermeiden? Eigentlich ganz einfach: Wir dürfen uns nicht durch die von uns vorgestellten Ansichten der Anderen oder unsere eigenen zu Idealisten machen lassen.

Am Ende weiß keiner genau, was das Beste ist. Für ein Problem gibt es unzähligen Sichtweisen. Sei es der Musikgeschmack, sei es das Planen eines Treffen zur einer bestimmten Uhrzeit oder das politische Geschehen eines Landes. Wir müssen uns die Zeit lassen, um die Absichten anderer zu betrachten. Die anderen Menschen haben auch ihre Gründe, warum sie an ihre Vorstellungen glauben. Um einen Kompromiss zu ermöglichen, müssen ihre Gründe in Betracht gezogen werden. Das erfordert seine Zeit, aber am Ende werden keine langen und unnötigen Whatsapp-Debatten geführt, und keine Massengräber müssen ausgegraben werden.

  • Unser Autor Diego Umaña Castro gehört zur Abiturientia 2014. Er stammt aus Kolumbien. 2008 kam Diego nach Deutschland und ist seitdem auch WG-Schüler. Er plant, Chemie und danach Philosophie zu studieren. Dann will er in seinem Heimatland politisch aktiv werden. Sein Denken ist u. a. beeinflusst von den französichen Existentialisten Jean-Paul Sartre und Albert Camus sowie Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Außerdem ist Diego Anhänger der Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus.
 



Mittwoch, 18. Juni 2014

Philosophisches Café I: Fühlen und Gefühl


Die Trennung zwischen Fühlen und Gefühlen, eine moralische Frage. Von Diego Umaña Castro

Ich sah zu, wie mein Vater das Frühstück meiner Mutter vorbereitete, dabei unterhielten wir uns über die morgige Präsidentschaftswahl in Kolumbien, mein Geburtsort: ein Land, in dem seit fünfzig Jahren Bürgerkrieg herrscht. Dieser bewaffneter Konflikt ist bereits für das Verschwinden von 220.000 Menschenleben verantwortlich. Rechts- und linksextremistische Guerillas verwüsten seitdem das Land, es kommt oft zu blutigen Konfrontationen oder Massakern, wo ganze Dörfer dem Boden gleichgemacht werden. Mit meinem Vater kamen wir auf eines davon zu sprechen.

Am Anfang hielt er sich zurück, dann aber konnte ich ihn, mit etwas Besorgnis, zu einer Aussprache bewegen. Mir reichte es aus, zu wissen, dass die Verbrecher mit abgetrennten Köpfen Fußball gespielt und Frauen auf widerwärtige Weise vergewaltigt haben.

Die Unterhaltung folgte dem Hauptgedanken der Akzeptanz gegenüber dem Unerlaubten in der Gesellschaft. Der Gebrauch des Ausdrucks „das Böse” erscheint mir in diesem Fall als unzureichend.

Wir sprachen über das Gleichgewicht zwischen dem, was gelehrt wird, und dem, was wirklich passiert. Zusammengefasst: wenn dir gelehrt wird, keinem Menschen Leid zu tun, und du es trotzdem mehrmals am Tag siehst, dann beginnst du, es zu akzeptieren, bis du es selber tust. Dieser Sachverhalt zeigt eine unzureichende Deckung des moralischen Wertesystems der westlichen Zivilisation.

Mit den Ergebnissen meiner phänomenologischen Ausarbeitungen war es mir möglich, das Gespräch zu lenken. Eines meiner Hauptpostulate ist die Amnestieabgabe des Menschen an erdachte Instanzen seiner Vorstellung. Mein Vater fand Gefallen an diesem Gedanken. Was ist darunter zu verstehen? Sobald der Mensch an Gefühle glaubt, anstatt zu fühlen, dann beginnt er zu leiden. Mögen es Hass, Liebe, Neid, Begierde, Nostalgie, Melancholie oder Ähnliches sein. Wenn wir unserem Empfinden einen Namen geben, ist ein Freiheitsverlust die daraus resultierende Konsequenz. Wir richten unser Handeln nach dieser von uns erdachten Vorstellung.

Ich nenne dieses Abgeben von Freiheit Amnestie, weil der Mensch auf diese Weise nicht mehr Herr seiner Handlungen ist. Wir tun das, was wir tun, weil wir an etwas glauben, vom dem wir uns vorstellen, es zu empfinden. Das ist der wichtigste Aspekt bezüglich Leiden und Moral. Wenn wir an eine Instanz – hier: die nur vorgestellten Gefühle anstelle des wirklichen Fühlens – außerhalb unserer selbst glauben, dann sind wir für Rücksichtslosigkeiten anfälliger.

Wenn ein Mensch vor mir steht, beschäftige ich mich, sein Verhalten beurteilend, mit den Gefühlen, von denen ich annehme, dass er sie fühlt.  Aber ich beschäftige mich nie mit seinem Fühlen selbst.
Diese Gesellschaft – nicht nur die kolumbianische: die kapitalistische allgemein – handelt nur mit Gefühlen, aber nie mit dem Fühlen der Dinge. So ein Verhalten ist feige und wird befürwortet, weil es in einer Wachstumsgesellschaft keine Zeit mehr gibt, um sich ausgiebig und gründlich mit dem Empfinden der Dinge zu beschäftigen. Dabei ist es genau das, was alle Menschen gemeinsam haben. Unsere Gefühle (die Vorstellungen davon) trennen uns – das Fühlen stattdessen mündet im Frieden und vereint die Menschheit.

Es kommt mir so vor, als würde sich, leider, auch meine Ausarbeitung als ein Wertesystem herauskristallisieren, das diese Trennung einschließt. Gefühle bilden sich schließlich, wenn der Mensch mit seinem beschränkten Bewusstsein versucht, sein Empfinden zu verstehen.


  • Unser Autor Diego Umaña Castro gehört zur Abiturientia 2014. Er stammt aus Kolumbien. 2008 kam Diego nach Deutschland und ist seitdem auch WG-Schüler. Er plant, Chemie und danach Philosophie zu studieren. Danach will er in seinem Heimatland politisch aktiv werden. Sein Denken ist u. a. beeinflusst von den französischen Existentialisten Jean-Paul Sartre und Albert Camus sowie Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Außerdem ist Diego Anhänger der Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus.

Samstag, 15. März 2014

Remter-05-Literaturabend


Die Dreizehn ließ uns nicht los. Von Julius Helke 
Sie war das Thema des diesjährigen Zipfelmützen-Wettbewerbs, in dem Lyrik gefragt war. Am 17. Februar versammelten sich Literaten des Wilhelm-Gymnasiums Braunschweig und ihr Publikum in der festlich hergerichteten Aula der Außenstelle.
Zur Einstimmung auf die Zahl Dreizehn diente ein Vortrag von Florian Kreyßig zu ihrer Bedeutung: ihre Stellung in der Welt der Mathematik und wie sie uns im Alltag immer wieder begegnet. So lässt sich das Wachstum von Nautilus-Schnecken mit der Fibonacci-Spirale der 13 beschreiben. Dies wiederum lässt sich auf das Design von Webseiten und grafischen Benutzeroberflächen übertragen, mit denen wir täglichen Umgang pflegen.

Nach dem Vortrag von Florian trugen Autoren der Literatur-Werkstatt von Herrn Upit eine Auswahl ihrer aktuellen Werke vor. Jonas Gawinski beeindruckte mit einem Auszug aus seinem Gedichtzyklus „ode des wahnsinns“.
Es rezitierten noch andere Autoren ihre lyrischen Werke: Sara Specht, Nice Conrad und Julius Helke. Julius Helke hatte auch einen Prosa-Text aus dem Fantasy-Genre vorbereitet und gab diesen zum Besten.
Die jüngeren Autoren und Autorinnen stellten sich überwiegend mit Prosatexten vor. Aus den Genres Horror (Isabell Pflug), Fantasy (Svenja Semmler, Janik Marsel) und Abenteuer (Amira Haftendorn, Tobias Wallner). Osama Labadi amüsierte das Publikum wieder einmal mit seinen das Leben pointierenden Texten.
Vor der Preisverleihung gab es eine kleine Pause, in der sich die Anwesenden an Bananen-Chips stärken konnten. Herr Upit machte durch sein fröhliches Spiel am Flügel auf den Beginn der Siegerehrung aufmerksam. Diese nahmen Herr Wichner und Frau Zager vor. Anschließend lasen die Geehrten ihre Siegertexte und präsentierten so ihre persönlichen Gedanken zur Zahl Dreizehn.
Leo Wiemann (7m4, 1. Platz Jg. 5-7), Niklas Kretzschmar (6a, 3. Platz Jg. 5-7), Amira Hamftendorn (8ms, 2. Platz Jg. 9-10), Nice Conrad (10e, 1. Platz Jg. 9-10), Osama Labadi (9m2, 3. Platz Jg. 9-10), Melissa Schaper (11, 1. Platz Sek. II). Fehlt: Melina Vianello (7m2, 2. Platz Jg. 5-7)
In der Klassenstufe 5-7 gingen die Preise an Niklas Kretzschmar (3.), Melina Vianello (2.), Leo Wiemann (1.).
Osama Labadi (3.), Amira Haftendorn (2.) und Nice Conrad (1.) belegten siegreich die Plätze in der Klassenstufe 9-10. In der Oberstufe überzeugte Melissa Schaper mit einem herausragenden Beitrag und erhielt den 1. Platz.
Herr Wichner bildete mit seinem Text zum Thema Arbeitsbedingungen in einem Callcenter den Abschluss. Er präsentierte dem Publikum die frustrierenden Erfahrungen an diesem Arbeitsplatz.
Die musikalische Ausgestaltung des Abends übernahm zur Eröffnung Tizian Raschpichler am Flügel, mit dem Stück „Musica a Ricercata No. 1“ von György Ligeti. Es folgten Herr Upit am Flügel und Isabell Pflug mit der Geige.
Lennart Borchers führte souverän und flexibel mit seinen Ansagen der Programmpunkte durch die Veranstaltung.
Es war ein stimmungsvoller Abend, die musikalischen Beiträge und die festliche Dekoration schufen eine angenehme Atmosphäre, in der sich die literarischen Beiträge entfalten konnten. Der Schein von zahlreichen Teelichtern erhellte die Aula auf eine ganz besondere Weise.
Als Giveaway lagen Gedichte von Jonas Gawinski, Sara Specht, Nice Conrad und Hannah Volkers am Ausgang bereit.

Fotos: Andreas Upit

Sonntag, 2. März 2014

Dichter im Porträt II: Jan Kuhlbrodt


„Wider den Klang der Bumskapelle“. Jonas Gawinski im Gespräch mit dem Lyriker Jan Kuhlbrodt

Jan Kuhlbrodt, wer oder was ist das und wie sind Sie mit der Poesie verbunden?
Ich weiß gar nicht, ob es eine Zeit gab, in der ich keine Gedichte gelesen habe. Aber mit fünfzehn ging es richtig los. Es begann mit Russen. Majakowski vor allem, der Futurismus holte mich gewissermaßen zu Hause ab. Dann kamen bald Trakl und Brecht dazu, und später alles durcheinander: Lorca, Neruda, Elytis. Und so ist es eigentlich auch heute. Hier liegen gerade Gedichte von Arsenij Tarkowski und Felix Philipp Ingold und Ashberys Flowchart. Später begann ich auch selber zu schreiben, erst eher aus Spaß.
 

Jan Kuhlbrodt (Foto: Kristian Kühn)
Sehen Sie eine Akademisierung in der Literatur?
Eher nicht. Es kamen schon immer die meisten Autoren aus den höheren Schichten, und die haben alle irgendwas studiert. Aber es gab immer auch Gegenbewegungen. Wahrscheinlich gehörte die Klage über eine Akademisierung von Anfang an zur Literatur dazu. Dennoch denke ich, dass es noch nie so viele Autorinnen und Autoren gab wie heute (global gesehen), und das ist gut so.

 
Wenn das Gedicht heutzutage in den Spiegel schaut, was wird es da sehen?
Wenn es sehen könnte, würde er sich selbst sehen, in Spiegelschrift.

Warum muss man Jan Kuhlbrodts „Stötzers Lied“ lesen?

Diese Frage ist für mich schwer zu beantworten. Aber vielleicht könnten die großartigen Illustrationen von Ivonne Dippmann ein Grund sein, sich auch für den Text zu interessieren.

Wenn Jan Kuhlbrodt ein Buch mit ins Grab nehmen dürfte, welches wäre das?
Besser als ein Buch wäre ein Spaten, um aus dem Ding wieder raus zu kommen. Zum Lesen wäre es zu dunkel.

Als Lehrer kamen Sie mit jungen Straftätern in Kontakt. Was steht hinter diesen Menschen?
Es waren vor allem Kinder aus Einwanderfamilien, die zwischen den Kulturen standen. Und die meisten waren beim Dealen erwischt worden. Das Problem war, dass sie über keinerlei Unrechtsbewusstsein verfügten. Es schien zwischen den Sprachen verloren gegangen zu sein. - Aber es waren gute Jungs mit einem starken Gefühl für Gerechtigkeit. Wenn sie ein Unrechtsbewusstsein entwickeln eine Bereicherung für die Gesellschaft.

Leseprobe: Gedichte von Jan Kuhlbrodt gibt es hier.

Wann kam Jan Kuhlbrodt das erste Mal auf die Idee Schriftsteller zu werden und warum?
7. Klasse. Wahrscheinlich wollte ich ein Mädchen aus meiner Klasse dazu bewegen, mit mir ins Kino zu gehen. (Das ist misslungen, sie ging mit einem Fußballer von Dynamo Karl-Marx-Stadt, obwohl die nur Kreisklasse spielten.) Der Berufswunsch verlor sich dann erst einmal wieder für mehrerer Jahre.

Sie sind ein Daumenagent, wie ist das zu verstehen?
Ein Daumenagent kann mit einer Hand in der Tasche eine Nachricht tippen und absenden. Wahrscheinlich existieren sie nur in meinem Gedicht.

Jan Kuhlbrodt kann sich in eine Zeile, einen Vers verwandeln, welcher wäre das?
Ich selbst kann wohl keiner werden, aber es gibt einige, die mir immer wieder fast unwillkürlich in den Sinn kommen, zum Beispiel dieser Vers aus den „Cantos“ von Pound in der Übersetzung von Eva Hesse:

„Das junge Ross wiehert wider den Klang der Bumskapelle.“



Zur Person:
Jan Kuhlbrodt wurde 1966 in Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) geboren, studierte politische Ökonomie, Philosophie und Soziologie sowie - von 1997 bis 2001 - literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er unterrichtete jugendliche Strafgefangene, arbeitete als Antiquar, war Geschäftsführer der Literaturzeitschrift Edit sowie Dozent an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig und an eben jenem Literaturinstutit, an dem er ausgebildet wurde. Er lebt als freier Autor in Leizpig (Quelle: wikipedia.de).

Unser Autor
Jonas Gawinski traf Jan Kuhlbrodt gleichsam virtuell: auf www.fixpoetry.com, einer Plattform für zeitgenössische deutschsprachige Lyriker, wo er auch selbst gelistet ist.

Aufklärung am WG


„Welcher Junge hat schon mal einen Jungen geküsst?“ Leander Le Ba und Jarne Bertram über einen Workshop im WuN-Kurs in Jahrgang 7.
Am Montag, den 17.02.2014, war ein besonderer Tag für den Werte-und-Normen-Kurs der Klassen 7m2, m3 und m4 des Wilhelm-Gymnasiums Braunschweig.
http://www.braunschweig.schlau-nds.de
Lena (transsexuell, lesbisch) und Svenja (lesbisch) vom Verein SCHLAu, was für Schwul-/lesbische Aufklärung steht, kamen auf Einladung unserer Lehrer, Herr Dr. Huber und Frau Rödel, zu Besuch. Die beiden Gäste vom Verein SCHLAu besuchen freiwillig verschiedene Schulen mit dem Ziel, den Schülern das Thema Sexualität auf autobiografische Weise, das heißt, dass sie von sich selbst erzählen, näher zu bringen. Des Weiteren versuchen sie mit diesem Toleranzprojekt, Diskriminierungen und Mobbing aufgrund von sexuellen Orientierungen ein Ende zu bereiten.
Nach der Besprechung der Regeln haben wir den Workshop mit einem Auflockerungsspiel begonnen, in dem es darum ging, auf Fragen zu antworten, wie z. B:
  • Wer hat schon einmal einen Jungen geküsst?
  • Wer wollte schon einmal ein Mensch des anderen Geschlechtes sein?
  • Wer hat bei mindestens einer Frage geschummelt?
Dabei sollte jeder möglichst ehrlich und ohne mit anderen zu kommunizieren mit „ich“ oder „ich nicht“ antworten.
Im Anschluss erklärten Lena und Svenja uns verschiedene Begriffe, unter anderem Comingout, schwul, bisexuell, heterosexuell und transsexuell. Außerdem gab es für uns die Möglichkeit, persönliche Fragen an die beiden zu richten, z. B.:
  • Wie haben ihre Freunde und Verwandten darauf reagiert, dass Sie lesbisch oder transsexuell sind?
  • Wie läuft eine Geschlechtsumwandlung ab?
  • Wie und wo findet man einen gleichgeschlechtlichen Partner?
In diesem 90-minütigen Workshop haben wir gelernt, dass verschiedene sexuelle Orientierungen zu tolerieren sind. Der Workshop hat uns gut gefallen, da wir mit unterschiedlichen Methoden neue Eindrücke zum Thema gewonnen haben. Für uns war es ein interessantes Projekt.


Donnerstag, 20. Februar 2014

Tag der offenen Tür 2014

Rundum gelungen. Adrian Döring über den Tag der offenen Tür 2014
Einmal im Jahr öffnet das Wilhelm Gymnasium wortwörtlich seine Türen für Schüler der 4. Grundschulklasse sowie für Ihre Eltern, um bei ihnen anlässlich der Wahl einer weiterführenden Schule für sich zu werben. Am 19.02.2014 war es wieder soweit: Der Tag der offenen Tür stand an. Zum Zwecke einer angemessenen Präsentation hat das Wilhelm Gymnasium - beziehungsweise alle Teilnehmenden, insbesondere aber Frau Rödel, die Koordinatorin dieser Veranstaltung - keine Mühen gescheut, um den Interessierten einen Einblick zu geben. So konnten sich die Eltern auf der Informationsveranstaltung in der Aula über die Schule und die Möglichkeiten informieren, die sie ihren Kindern bieten wird, sofern sie sich für das Wilhelm Gymnasium entscheiden. Zusätzlich gab es in einem extra Raum die Möglichkeit, Fragen an jene Eltern zu richten, deren Kinder das Wilhelm Gymnasium schon eine Weile besuchen. Auch zu entscheidenden Themen - wie den späteren Wahlmöglichkeiten zwischen Fächern und Zweigen sowie zum Ganztagsangebot und zu verschiedensten Förder- und Forderangeboten - konnten die Eltern Informationen einholen.
Ruhe vor dem Sturm: letzte Vorbereitung im Remter
Den jüngeren Gästen bot sich dagegen die Möglichkeit, das WG aus einer ganz anderen Perspektive zu erleben. In kleinen Gruppen wurden sie von älteren Schülerinnen und Schülern des Wilhelm Gymnasiums durch die Räume des Hauptgebäudes geführt, wo sich die verschiedenen Fachgruppen und Arbeitsgemeinschaften bzw. Initiativen präsentierten und einen Einblick in ihre Arbeit gewährten.
Großer Andrang: bei der Schülerfirma
Die Fachgruppe „Alte Sprachen“ zeigte nicht nur die Bedeutung, die Latein und Griechisch auf unseren Alltag und unsere Sprache haben, die kleinen Besucher konnten auch erste Erfahrungen mit dem griechischen Alphabet sammeln und sogleich mithilfe ihrer soeben erworbenen Sprachkompetenz Tonscherben beschreiben. Des weiteren hatten sie die Gelegenheit, sich mit der römischen und der griechischen Kultur vertraut zu machen. Dieser Prozess wurde auch kulinarisch unterstützt: So waren an diesem Abend im gesamten Gebäude stilecht antik gekleidete Schüler unterwegs, die so genannte mustacei oder Mostbrötchen feilboten. Auch andere Fächer boten Gaumefreuden: So verpflegten die „Franzosen“ die zahlreichen Gäste mit frisch zubereiteten Crêpes. 
Doch auch abseits der Fachbereiche, die sich hier ebenso ausführlich wie öffentlichkeitswirksam vorstellten, gab es viel zu entdecken.
Die geführten Gruppen konnten in den Fächern Religion, Werte und Normen und Philosophie einem Rollenspiel beiwohnen, in dem spielerisch und anschaulich provokante ethische Grundfragen aufgeworfen wurden. Hier informierte das Wilhelm Gymnasium aber auch über das soziale Engagement seiner Schüler: Gianluca Groth aus Jg. 9 stellte ein Projekt in San Salvador vor, welches Kindern in den Armenvierteln den Zugang zu schulischer Bildung ermöglichen, aber auch den Ausbau der lokalen Infrastruktur vorantreiben soll. Für die Realisierung dieses Projekts sammelten er und seine Klassenkameraden im Rahmen des Religionsunterrichtes 6000 € an Spenden. Darüber hinaus organisierten sie ein Zusammentreffen mit den Betroffenen.
Hilfe für Armen: das San-Salvador-Projekt
So präsentierten sich auch diese Fächer, obgleich oft als realitätsfern verspottet, sehr praxisbezogen und lebensnah, wenn man auch durch das Plakat mit der Aufschrift „Wer wird Religionär“, das an der Türinnenseite prangte, leicht irritiert werden konnte.
Sehr viele praktische Bezüge hatten selbstverständlich auch die Naturwissenschaften zu bieten. Gerade im Bereich der Physik, wo grundlegende Mechanische Gesetze anhand von Experimenten erklärt wurden.
Insgesamt gab es für die Besucher so viel zu entdecken, vom 3-D-drucker bis zur Theaterprobe, dass es unmöglich war, sich das gesamte Programm zu vergegenwärtigen.
Ganz gebannt: Experimente in den topmodernen Physikräumen
In den einzelnen Räumen wurden die anwesenden Lehrkräfte tatkräftig von zahlreichen Schülerinnen und Schülern unterstützt, die umfassende Aufgaben übernahmen. Diese personelle Dichte war angesichts des Publikumsandranges an diesem Abend auch nötig.
Zahlreiche Eltern und Grundschüler nutzten diese Möglichkeit, einmal das „geballte“ Wilhelm Gymnasium zu erleben, und sie werden neben den Sachinformationen auch die Bilder von überaus engagierten Schülerinnen und Schülern, Lehrern, aber auch Eltern mitnehmen, die diesen Abend erst zu einem rundum gelungenen machten.

Freitag, 14. Februar 2014

Neue Lyrik IV



Ihre Blicke
tummeln sich im
Meer
durch die blutorangenen
Wellen
drucken sich
im Duft von
blühendem Lavendel
ihre Silhouetten
in die gläserne Gischt
stanzen sich auf den
Buckel der Brandung
reißen sich in einer
Wildheit die Zeit vom Leib
versenken ihr Herz in einen Felsfinger
begraben ausgebrannte Küsse
unter sich
tragen auf flatternden Händen
Lichtkrumen
Reste vom Frühstück der Sonne
an Land.



Nacht
wo Lichtfäden
sich in die Nähte
der Schwärze
fädeln,
den Saum
der Dunkelheit
auswaschen,
ein salziges Grün
wirft helle Krumen
in die Stille
und wir sehen,
das Lachen in
zarte Strähnen
gesiebt,
nackt huscht ein
Schimmer über den
Horizont,

tanzt durch
wogende Farbenfelder,
Schritte graben sich
in den Nebel und
ein Schatten
sickert in meine
Haut,
glänzt, irisiert,
macht meinen
Blick blind und hell.




Sara S. Specht, geboren am 26. 06. 1996 in Braunschweig, besucht z. Zt. den 11. Jahrgang des Wilhelm-Gymnasiums.