Montag, 24. August 2026

Botanischer Garten

„Eine Lebenssammlung von Pflanzen“. Prof. Dr. Robert Hänsch, Leiter des Instituts für Pflanzenbiologie und des Botanischen Gartens, im Gespräch mit Luisa Hanke und Viktoria Palazzo (6a).



Unser Service für Eilige: eine KI-generierte Infografik mit den wichtigsten Informationen aus dem Text.


Was ist ein botanischer Garten?

Ein Ort, wo Pflanzen sind und man darüber etwas lernen kann. Wo Pflanzen gesammelt werden. Wo man als Student, Studentin lernen kann.

Aber das ist nicht alles. Was genauso wichtig ist: wo man Forschung betreiben kann. Und was auch genauso wichtig ist: wo man mit der Öffentlichkeit in Austausch treten kann. Wir haben ganz viele Besuchende, die hier vorbeikommen und sich einfach nur schöne Pflanzen angucken wollen.

Also: Sammeln von Pflanzen, Erhalten von Pflanzen, Vermehren von Pflanzen. Zum Teil auch gefährdete Arten, die man zum Beispiel wieder an den natürlichen Standort bringen kann. Es gibt ganz viele Funktionen eines botanischen Gartens.

Aber wenn man auf die Frage einfach nur antwortet, dann ist es eine Lebenssammlung von Pflanzen. Wir haben ungefähr 4.000 verschiedene Arten in unserem botanischen Garten. Das ist eine ordentliche Zahl, wenn man sich das überlegt, dass es in Deutschland insgesamt 4.000 unterschiedliche Arten gibt. Aber wir haben natürlich viele, die es in Deutschland nicht gibt. Wir haben viele Pflanzenarten, die aus der gesamten Welt stammen: aus den Tropen, aus den Subtropen, aus Wüstenregionen. Deswegen brauchen wir ja auch so etwas wie ein Tropenhaus, das Viktoriahaus, ein Kakteenhaus.

Was finden Sie, ist das Beste am Botanischen Garten?

Die vielen Pflanzen, die tollen Mitarbeiter und die ganz tollen Besucherinnen und Besucher. Und neugierige und aufgeweckte Kinder und Jugendliche, Schülerinnen und Schüler, wie ihr das seid.

Was ist das Anstrengendste, was man im Garten tut?

Wir müssen jedes Jahr im Frühjahr die Pflanzen, die über den Winter nicht draußen stehen können, weil sie erfrieren würden, aus dem Lagergewächshaus, der Orangerie, wieder rausstellen. Die Pflanzenkübel wiegen 100, 200 Kilo. Wenn ihr euch umschaut: Manche sind wirklich große Pflanzen. Wenn man die aus den Gewächshäusern rausholt und an den Ort stellt, wo sie den Sommer über sind, ist das eine echt anstrengende Arbeit.

Bei vielen anderen Sachen gibt es Hilfsmittel. Rasenmähen war früher sehr anstrengend, da gibt es heute einen Rasenmäher-Traktor. Äste, Hecken schneiden musste man früher mit einer Schere machen, da gibt es heute eine Heckenschere, die elektrisch funktioniert.

Welche Pflanze finden Sie am aufwendigsten?

Kennt ihr die Viktoria?

Ja, ich bin Viktoria.

Dann müssen wir deine Pflanze mal angucken gehen. Wir haben eine große Teichrose, die Viktoria. Die ist sehr aufwendig in der Betreuung.

Im Dezember oder Januar wird ein kleines Samenkorn in ein kleines Aquarium gelegt. Nicht eins, sondern ein paar. Dort muss dann dieses Samenkorn auskeimen. Das bildet eine kleine Viktoria. Das sind die Schwimmblätter, die ihr kennt. Wenn das geklappt hat, muss sie in ein großes Aquarium gesetzt werden, in unseren Versuchsgewächshäusern. Dort wächst sie dann weiter, und wenn sie gut gewachsen ist, kommt sie in ein großes Viktoria-Haus. Und dieses Viktoria-Haus muss vorbereitet werden. In der Mitte ist ein riesengroßer Pflanztopf. Den sehen wir gerade nicht mehr, weil da jetzt Wasser drüber ist. In den Pflanztopf hinein muss Erde, Dünger. Dann muss das ganze Becken mit Wasser geflutet werden. Wenn das Wasser drin ist, kann irgendwann die Pflanze eingesetzt werden. Dann braucht sie Nährstoffe, viel Licht und warmes Wasser. Das muss man ständig kontrollieren. Wenn es zu kalt ist, stirbt sie. Sie braucht viel Pflege. Wenn sie zu viele Blätter hat, muss man die Blätter rausschneiden, damit die nächsten Blätter wachsen können. Die sind ganz schön pieksig. Im Oktober muss man die Pflanze runterschneiden und das Wasser ablassen. Dann muss man den Pflanztopf entsorgen und die Samen einsammeln. Wenn man die Samen hat, lässt man sie noch zwei bis drei  Monate liegen. Dann werden sie wieder ausgesät. Und das jedes Jahr. Also, richtig aufwendig.


An welchem Tag arbeiten Sie am liebsten?

Ich arbeite eigentlich an jedem Tag gern. Ich komme auch Sonnabend und Sonntag gern. Vor zwei Wochen hatten wir Pflanzen- und Büchermarkt. Da sind ganz viele Pflanzen verkauft worden, ganz tolle Pflanzen. Es sind viele tolle Bücher verkauft worden. Manchmal haben wir auch Kakteenbörse. Dafür kommt man auch gern mal am Wochenende. Oder wenn ich in meinem Institut einen Versuch machen muss oder etwas anderes.

An welchem Tag arbeiten alle am liebsten?

Sagen wir mal, das ist nicht auf den Wochentag bezogen, sondern es ist nicht 35 Grad, sondern vielleicht 22 Grad. Die Sonne scheint nicht zu heiß. Es sind ein paar Wölken da, wo man draußen nett arbeiten kann. Wo die Arbeitsatmosphäre, das Klima stimmt. Es ist eher ein bisschen wetterabhängig.

Was machen alle am liebsten im Botanischen Garten?

Es ist immer eine große Freude, wenn wir unsere Pflanzen in kleinen Töpfen vorziehen. Wie man das zu Hause macht, wenn man Tomaten anzieht. Dann muss man sie aussäen, dann pikieren [= vereinzeln], dann auspflanzen. Das ist etwas, was bei jeder Pflanze anders ist.

Man kann ein ganzes Beet mit tollen Pflanzen, mit unterschiedlichen Farben der Blüten künstlerisch gestalten. Was natürlich keinen Spaß macht, ist das Unkraujäten oder den Rasen mähen, diese Routineaufgaben.

Spaß macht es, wenn man irgendwas Neues macht. Wenn man die neuen Samen auslegt, dann sieht man, wie so ein Samenkorn keimt und wie dieses Samenkorn eine kleine Pflanze bildet. Das ist toll.



Was ist Ihr Lieblingsteil im Botanischen Garten?

Das muss man davon abhängig machen, für was wir diesen Teil verwenden wollen. Wenn ich mit Studierenden im Botanischen Garten bin, dann finde ich einen Teil besonders toll, wo es ganz verschiedene Pflanzen gibt. Jede Pflanze gruppiert man in Familien und man sieht an der Blütenfarbe oder der Blütenform, das sind zwei, die zusammengehören. Da kann man mit den Studierenden hingehen und die unterschiedlichen Familien erklären.

Wenn ich aber einem Besucher etwas zeigen möchte, dann gibt es im Bauerngarten besonders schöne Pflanzen. Und wenn ich es mal ruhig haben will und ein bisschen Entspannung suche, dann gehe ich am liebsten in den Erweiterungsteil. Der ist auf der anderen Seite. Da gibt es unten an der Oker einen kleinen Teich, ein tolles Biotop. Da kommen keine Besucher hin, weil die meisten es nicht kennen. Da kann man sich ganz wunderbar ausruhen.

Je nachdem, über was ich gerade nachdenke, gehe ich zu unterschiedlichen Orten, und ja, unser Tropenhaus ist toll, das Viktoriahaus ist toll, unser Kakteenhaus ist toll, das Orchideenhaus ist toll, alles ist toll. Also, es gibt eigentlich keinen Lieblingsteil, sondern immer in Abhängigkeit von dem, was man gerade vorhat, geht man da oder dorthin.

Haben Sie eine bestimmte Lieblingspflanze?

Ja, wir haben eine riesengroße alte Buche, die ist 250 Jahre alt.

Eine ganz verrückte, ans Trockene angepasste Pflanze, die heißt Welwitschia mirabilis. Schon mal gehört? Die mag ich auch, weil sie es schafft, an Standorten in der Welt zu wachsen, wo nichts anderes wächst.

Eine Welwitschia in Namibia.

Wann wussten Sie, dass Sie in diesem Bereich arbeiten wollten?

In einem botanischen Garten oder in einem botanischen Institut?

Generell.

Na ja, ich würde denken, da war ich nicht viel älter, als ihr jetzt seid, da habe ich mir immer schon vorgestellt, mit Pflanzen arbeiten zu wollen. Also schon Ewigkeiten. Dass man Biologie studieren konnte, habe ich zu der Zeit noch nicht gewusst, aber dass man mit Pflanzen arbeiten möchte, das habe ich schon gewusst. Weil das Arbeiten mit Pflanzen so toll ist. Die Frage warum, ist total klar. Es ist so spannend. Wenn man sich überlegt: Die werden so alt. Pflanzen werden so groß. Die bilden so tolle Blüten. Die schaffen es, sich an alle Umweltbedingungen anzupassen. Die wachsen in der Wüste, die wachsen im Regenwald, die wachsen im Wasser, die wachsen unter Wasser. Überall. Außer da, wo die ganze Zeit Frost ist.

In was für Berufen arbeitet man hier eigentlich?

Im Garten sind es natürlich Gärtner und Gartenmeister. Ich zum Beispiel bin Diplom-Biologe, bin als Hochschullehrer unterwegs, bin in der Lehre, in der Forschung. Aber man braucht natürlich auch eine Sekretärin, die ein paar Dinge organisiert. Wir haben auch jemanden, der sich mit Technik auskennt. Ganz unterschiedlich.

Welche Pflanzen werden am ältesten?

In unserem botanischen Garten ist die älteste Pflanze eine Buche. Die ist 250 Jahre alt. Es gibt bei uns in Mitteleuropa andere Bäume, die auch noch älter werden als Buchen. Das sind zum Beispiel Eichen und Linden. Die können 500, 600 oder auch 800 Jahre alt werden. Und es gibt Bäume, die werden auch mal 3.000 oder 4.000 Jahre alt. Das ist aber eher selten. Es gibt ein paar Mammutbäume, die werden 1.000, 1.500 Jahre alt. Und es gibt zum Beispiel die Kiefern. Von denen weiß man, wenn die im Hochgebirge wachsen, wachsen die ganz langsam. Da gibt es wirklich welche, die sind so 4.000 Jahre alt. Wobei es richtig schwer ist, das nachzuweisen, weil man das kaum noch mit Jahresringen machen kann.

Welche Pflanzen sind eigentlich am seltensten hier im Garten?

Wir haben zum Beispiel sowohl im Freiland als auch im Gewächshaus verschiedene Orchideen. Orchideen sind stark gefährdete Pflanzen und damit sehr selten. Es gibt aber auch viele Pflanzen, die bei uns in Trockenrasenflächen vorkommen. Oder es gibt Pflanzen, die eher im alpinen Bereich vorkommen, also im Hochgebirge. Da haben wir auch einige.

Unsere nächste Frage wäre, was bieten Sie für Schulen an?

Für Schulen machen wir einerseits Führungen. Ich hatte letzte Woche eine Schulklasse hier, 13 Jahre alt, siebte Klasse, glaube ich. Die sind aus Göttingen hergekommen und mit denen habe ich eine Führung gemacht. Erst waren wir im Hörsaal, da habe ich eine kurze Vorlesung gehalten. Danach waren wir im Botanischen Garten.

Aber wir haben noch etwas viel Wichtigeres, wir haben die Grüne Schule. Und da muss man sagen, da muss man hin. Die ist hinter dem Dienstgebäude der Gärtner und den Gewächshäusern, ein altes, kleines Fachwerkhaus. Da meldet man sich als Schulklasse an und sagt, man möchte mit meiner Schulklasse 90 Minuten, zum Beispiel, durch den Garten laufen und sich Blütenpflanzen angucken.

Ich glaube, das haben wir auch gemacht mit meiner Klasse. Da haben wir eine Blüte auseinander genommen.

Wunderbar, Grüne Schule, das ist genau das.

Was finden Sie am Garten verbesserungswürdig?

Es gibt zwei Sachen, an denen wir gerade arbeiten. Wir haben hier den alten Teil des Botanischen Gartens, den jeder kennt. Und drüben gibt es einen neuen Teil, einen Erweiterungsteil, den kennt keiner. Im Augenblick, wenn man da hingehen will, muss man über die Humboldtstraße, dann muss man an einem großen Gebäude der Psychologie vorbei und noch zweimal um eine Ecke. Keiner findet es. Und man muss über die Straße.

Was wir gerade eben gemacht haben, ist, das

s wir angefangen haben, einen Weg zu bauen. Den Weg haben wir bis zur Brücke fertig. Es ist wichtig, dass wir auch den zweiten Weg noch schaffen, damit wir den Erweiterungsteil verbinden können mit dem alten Teil. Das werden wir aber erst im nächsten Jahr packen.

Und was auch für mich wichtig ist, ich weiß nicht, ob ihr das gesehen habt, hier waren früher Treppen. Das heißt, mit einem Kinderwagen, mit einem Rollator, Leute, die schlecht gehen konnten, konnte man nie in das Tropenhaus. Da ist jetzt keine Treppe mehr, da ist eine Rampe. Das heißt, man kann mit jeder Art von Hilfsmitteln runter.

Was wir hier in dem Teil nicht haben, ist eine behindertengerechte Toilette. Wir haben sie im Erweiterungsteil, aber da muss man erst rüber fahren. Es wäre schön, wenn wir auch hier eine behindertengerechte Toilette hinbekommen.

Ansonsten ist unser Garten ganz toll, wenn ihr da durchgeht, der ist wirklich gut in Ordnung. Wir haben ein ganz tolles Gärtnerteam, die organisieren alles, sieht einfach toll aus.

Wie lange arbeiten Sie eigentlich schon hier?

Ich bin in dem Haus seit 1992.

Was ist Ihre Lieblingspflanzenheimat?

Da muss man jetzt ehrlich sein: Es ist überall toll. Und ich bin überall schon gewesen, aber richtig auskennen tut man sich eigentlich nur hier. Also, deswegen: Mitteleuropa, vielleicht hier der Bereich von Niedersachsen, das ist schon toll. Aber ich bin auch in Nigeria schon gewesen, in Ghana, war also im tropischen Regenwald. Ich bin in Australien gewesen, habe mir dort die Wälder angesehen, ganz toll. Ich bin im Permafrostgebiet von China gewesen, großartig. Es gibt wahnsinnig tolle Gebiete.

Wir haben weltweit 360.000 Arten, sagt man. Und wenn man irgendwo anders hinfährt, dann weiß man plötzlich gar nichts mehr. Das ist deswegen auch für einen Botaniker schwer.

Was ist Ihre erfolgreichste Pflanze? Die Seerose oder?

Was meint erfolgreich? Also, dafür reisen Touristen an? Ja, dann würde ich sagen, das ist die Viktoria. Aber ich würde auch sagen, dass Orchideen ganz toll sind. Die meisten Leute gucken sich natürlich eher gerne Dinge an, die man nicht täglich sieht.

Weshalb fährt man zum Beispiel in einen Zoo? Weil man gerne Giraffen angucken will. Und nicht einen Hund. Und weshalb fährt man gerne in einen botanischen Garten? Weil man sich gerne einen Kaktus angucken will, einen Schwiegermutterstuhl zum Beispiel. Oder die Welwitschia oder die Viktoria, weil man die halt nicht täglich sieht.

Ansonsten muss man natürlich sagen, wenn man dieses „erfolgreich“ mal anders betrachtet. Dann ist es die Buche. Wenn wir hier Menschen nicht wären, dann wäre die Buche das.

Arbeiten Sie eher im Team oder nicht?

Unbedingt im Team. Die Frage gibt es eigentlich gar nicht. Wenn wir hier im Haus gucken, da gibt es das Forscherteam. Da hat jeder seine Aufgabe. Der eine ist besser in der einen

Technik, der andere besser in der anderen. Das ist bei dem Gartenteam genau dasselbe. Der eine ist besser im Gewächshaus, der andere ist besser draußen.

Wie ist der Gründer auf die Idee gekommen ist, diesen Garten zu eröffnen?

Naja, die Idee ist relativ einfach. Wir sind eine Uni und wir waren schon immer eine Uni. Die hieß damals anders, aber im Prinzip eine Lehreinrichtung. Und so, wie man in der Schule einen Schulgarten braucht, damit man Kindern beibringt, wie man eine Pflanze anzieht, brauchten wir hier einen Ort, wo man Pflanzen sammeln kann.

Damit man die Pflanzen zum Beispiel in einer Vorlesung oder einem Praktikum den Studierenden zeigen und sagen kann, so und so sieht eine Kartoffel aus, oder so wächst eine Tomate. In dem Fall waren es in der Regel pharmazeutisch wichtige Pflanzen, also irgendwelche Heilpflanzen, die man angezogen hat. Für die Lehre und für die Forschung braucht man Material zum Zeigen.

Der Garten ist 1840 gegründet worden. Also der Garten an dieser Stelle. Der Vorläufergarten ist ein paar Jahre vorher gegründet worden, 1828. Der war aber nicht hier, sondern auf der gegenüberliegenden Seite der Oker, da, wo jetzt die AOK steht.




Fotos: WGtarier, Welwitschia: von Ragnhild&Neil Crawford from Sweden - Welwitschia mirablis-1397, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75659010





Sonntag, 16. August 2026

Liebe

„Wie kann ein Mensch zugleich Wunde und Pflaster sein?” Ein Essay von Halla Naameh (11b).



 

In Liebesgeschichten, romantischen Filmen und auch im echten Leben hört man oft den Satz: „Ein Mensch kann sowohl die Wunde als auch das Pflaster sein.“

Doch ich habe mich gefragt, wie kann eine Person gleichzeitig Schmerz und Heilung sein? Wie kann es sein, dass man sich jemandem so nah fühlt und gleichzeitig innerlich so weit entfernt? Sind es vielleicht einfach die falschen Menschen, die uns glücklich machen und uns am Ende doch mit einem schlechten Gefühl zurücklassen? Und wenn ja, warum? Warum schmerzt unser Herz manchmal so sehr und wir machen trotzdem weiter?

Wenn man sagt, ein Mensch könne gleichzeitig Wunde und Pflaster sein, klingt das zunächst romantisch. Wir konzentrieren uns auf das „Pflaster“ und vergessen dabei oft, warum die Wunde überhaupt entstanden ist. Die Vorstellung, dass eine Person gleichzeitig Problem und Lösung sein kann, wirkt beinahe schön. Doch die Realität ist deutlich komplizierter.

Ein Grund dafür liegt vielleicht auch in der Welt, in der wir heute leben. Social Media setzt uns nämlich selbst in der Liebe unter Druck. Jeder zweite Beitrag, jedes zweite Reel vermittelt dieselbe Botschaft: Antworte nicht zu schnell, schreib nicht zuerst, gestehe niemals zu viele Gefühle und zeige bloß nicht zu viel Interesse. Geduld wirkt plötzlich wie Schwäche, obwohl sie in einer Zeit vor Social Media oft als Zeichen echter Liebe galt.

Dadurch sind wir an einem Punkt angekommen, an dem viele Menschen Angst davor haben, ihre echten Gefühle zu zeigen. Aus Angst vor Zurückweisung verstecken wir Emotionen lieber, statt offen zu sein. Missverständnisse verstärken diese Unsicherheit zusätzlich, bis wir uns irgendwann selbst darin verlieren. Es wirkt fast so, als gäbe es eine bestimmte Form, in die Liebe hineinpassen muss und wenn sie anders aussieht, sei sie nicht „richtig“.

Dabei bringt uns Social Media kaum noch bei, Menschen einfach auf ihre eigene Art zu lieben. Stattdessen lernen wir ständig Regeln darüber, wie man wirken soll. Doch Liebe entsteht nicht durch Spielchen oder vorgeschriebene Verhaltensweisen. Sie entsteht zwischen zwei Menschen. Wenn einer von beiden ein falsches oder unrealistisches Bild von Liebe entwickelt, kann das den anderen verletzen oder unter Druck setzen.

Oft merken wir gar nicht, dass wir uns dadurch in einem Teufelskreis befinden. Wir verlieren langsam die Fähigkeit, ehrlich zu fühlen, weil andere für uns definieren, was Liebe angeblich sein soll. Dabei gibt es keine allgemeingültige Definition von Liebe. Dies zeigt sich etwa bei dem Philosophen Erich Fromm, der Liebe nicht als eine feste Empfindung, sondern als eine Kunst auffasste, die jeder Mensch auf seine eigene Weise verwirklicht. Jeder Mensch liebt auf seine eigene Weise. Trotzdem versuchen wir immer häufiger, alle Gefühle in dieselbe Form zu pressen und vergessen dabei, dass echte Liebe gerade durch ihre Unterschiede entsteht.

Doch gesellschaftliche Einflüsse allein erklären nicht, warum Liebe uns so tief berührt. Ein Blick auf die biologischen Prozesse zeigt, dass auch unser Körper eine wichtige Rolle spielt. Verliebtsein mag oft wie etwas Magisches erscheinen, biologisch betrachtet ist es jedoch ein komplexes Zusammenspiel aus Gehirn, Hormonen und Nervensystem. Sobald wir jemanden attraktiv finden, aktiviert unser Gehirn das Belohnungssystem. Dabei spielt Dopamin eine zentrale Rolle. Es sorgt für Glücksgefühle, Motivation und Energie. Viele kennen dieses Gefühl, wenn man etwas erreicht, worauf man stolz ist. Beim Verlieben passiert etwas Ähnliches nur deutlich intensiver. Deshalb denken Verliebte oft ständig an die andere Person.

Gleichzeitig wird Noradrenalin ausgeschüttet. Dadurch gerät der Körper in eine Art angenehmen Alarmzustand. Das Herz schlägt schneller, man ist aufgeregt, die Hände zittern vielleicht und dieses berühmte Kribbeln im Bauch entsteht. Parallel dazu sinkt häufig der Serotoninspiegel. Das kann dazu führen, dass wir uns stark auf eine Person fixieren und sie kaum noch aus dem Kopf bekommen.

Außerdem arbeitet der Bereich im Gehirn, der für kritisches Denken zuständig ist, während der Verliebtheitsphase weniger aktiv. Deshalb sehen wir die andere Person oft durch die sogenannte „rosarote Brille“. Schwächen werden ausgeblendet oder wirken plötzlich unwichtig. Wenn die Gefühle später schwächer werden, fragen wir uns  manchmal: „Wie konnte ich mich nur in diese Person verlieben?“

Dabei hat sich die Person vielleicht gar nicht verändert nur unsere Wahrnehmung.

Wenn aus Verliebtheit eine tiefere Bindung entsteht, kommt ein weiteres Hormon ins Spiel: Oxytocin, auch bekannt als Bindungs- oder Kuschelhormon. Es sorgt für Vertrauen, Nähe und Sicherheit. Mit der Zeit wird aus intensiver Verliebtheit eine ruhigere, stabilere Verbundenheit. In unserem Körper passiert also unglaublich viel, wenn wir lieben

Doch die eigentliche Frage bleibt: Wie kann eine Person gleichzeitig Wunde und Pflaster sein?

Vielleicht liegt die Antwort gar nicht nur in der anderen Person, sondern auch in uns selbst. Vielleicht fühlt es sich deshalb so an, als könne ein Mensch zugleich Wunde und Pflaster sein. Je wichtiger uns jemand wird, desto größer ist die Chance, Geborgenheit und Nähe zu erfahren, aber auch das Risiko, verletzt zu werden. Nähe schafft Vertrauen, macht uns jedoch gleichzeitig verletzlich. Genau deshalb entstehen Trost und Schmerz oft aus derselben Verbindung. Heilung entsteht durch Nähe, Geborgenheit und gemeinsame schöne Momente. Schmerz hingegen entsteht, wenn wir jemanden lieben, der uns nicht guttut oder nicht wirklich zu uns passt. Vielleicht ist das „Pflaster“ also gar nicht die Person selbst, sondern das, was sie in uns auslöst: Hoffnung, Gefühle und das tiefe Bedürfnis nach Nähe. Die Wunde hingegen entsteht oft dann, wenn die Realität nicht mit unseren Vorstellungen übereinstimmt. Man könnte es mit einem Glassplitter vergleichen: Das Glas verursacht die Verletzung, doch das Pflaster kommt von uns selbst. Heilung beginnt nicht außerhalb von uns, sondern in unserem eigenen Umgang mit Gefühlen.

Genau hier entsteht auch die Gefahr, Liebe mit Selbstverlust zu verwechseln. Soziale Medien romantisieren oft ungesunde Beziehungen. Aussagen wie „Für die Liebe würde ich alles aufgeben“ oder „Eine Person kann gleichzeitig Wunde und Pflaster sein“ klingen tiefgründig und romantisch, können aber gefährlich sein. Liebe sollte nicht bedeuten, sich selbst zu verlieren.

Wie oft haben Freunde schon gesagt:

„Pass auf, du gibst gerade alles für diese Person auf.“

Und trotzdem wollten wir es nicht hören, weil wir dachten:

„Aber das ist doch Liebe.“

Wenn wir dieselbe Situation bei jemand anderem beobachten, erkennen wir oft sofort, dass sie nicht gesund ist. Bei uns selbst fällt das deutlich schwerer. Vielleicht gerade deshalb, weil Liebe unsere Sicht verändert.

Am Ende bleibt vielleicht nicht die Frage, ob ein Mensch gleichzeitig Wunde und Pflaster sein kann. Vielleicht sollten wir uns vielmehr fragen, warum wir manchmal erwarten, dass jemand anderes heilt, was in uns verletzt wurde. Ein Mensch kann uns Nähe schenken, uns auffangen und begleiten. Doch die eigentliche Heilung entsteht nicht durch ihn, sondern durch unseren Umgang mit dem, was wir fühlen. Liebe kann uns Halt geben, aber sie sollte nicht zur Bedingung dafür werden, dass wir uns selbst wertvoll fühlen. Denn Liebe wird nicht dadurch größer, dass wir uns selbst verlieren. Sie wird größer, wenn wir uns selbst treu bleiben. Ein Mensch kann ein Teil unseres Weges sein, aber niemals unser ganzer Weg. Vielleicht geht es also gar nicht darum, ob jemand Pflaster oder Wunde ist. Vielleicht geht es vielmehr darum, ob wir uns selbst bewahren können, während wir lieben. Denn echte Liebe sollte uns nicht kleiner machen, sondern wachsen lassen.


Bild: Hello Cdd 20 Pixabay