„Eine Lebenssammlung von Pflanzen“. Prof. Dr. Robert Hänsch, Leiter des Instituts für Pflanzenbiologie und des Botanischen Gartens, im Gespräch mit Luise Hanke, Viktoria Palazzo und Skadi Presch (6a).

Unser Service für Eilige: eine KI-generierte Infografik mit den wichtigsten Informationen aus dem Text.
Was ist ein botanischer
Garten?
Ein Ort, wo Pflanzen sind und
man darüber etwas lernen kann. Wo Pflanzen gesammelt werden. Wo man als
Student, Studentin lernen kann.
Aber das ist nicht alles. Was
genauso wichtig ist: wo man Forschung betreiben kann. Und was auch genauso
wichtig ist: wo man mit der Öffentlichkeit in Austausch treten kann. Wir haben
ganz viele Besuchende, die hier vorbeikommen und sich einfach nur schöne
Pflanzen angucken wollen.
Also: Sammeln von Pflanzen,
Erhalten von Pflanzen, Vermehren von Pflanzen. Zum Teil auch gefährdete Arten,
die man zum Beispiel wieder an den natürlichen Standort bringen kann. Es gibt
ganz viele Funktionen eines botanischen Gartens.
Aber wenn man auf die Frage
einfach nur antwortet, dann ist es eine Lebenssammlung von Pflanzen. Wir haben
ungefähr 4.000 verschiedene Arten in unserem botanischen Garten. Das ist eine
ordentliche Zahl, wenn man sich das überlegt, dass es in Deutschland insgesamt
4.000 unterschiedliche Arten gibt. Aber wir haben natürlich viele, die es in
Deutschland nicht gibt. Wir haben viele Pflanzenarten, die aus der gesamten
Welt stammen: aus den Tropen, aus den Subtropen, aus Wüstenregionen. Deswegen
brauchen wir ja auch so etwas wie ein Tropenhaus, das Viktoriahaus, ein
Kakteenhaus.
Was finden Sie, ist das Beste am Botanischen Garten?
Die vielen Pflanzen, die
tollen Mitarbeiter und die ganz tollen Besucherinnen und Besucher. Und
neugierige und aufgeweckte Kinder und Jugendliche, Schülerinnen und Schüler,
wie ihr das seid.
Was ist das Anstrengendste,
was man im Garten tut?
Wir müssen jedes Jahr im
Frühjahr die Pflanzen, die über den Winter nicht draußen stehen können, weil
sie erfrieren würden, aus dem Lagergewächshaus, der Orangerie, wieder
rausstellen. Die Pflanzenkübel wiegen 100, 200 Kilo. Wenn ihr euch umschaut: Manche
sind wirklich große Pflanzen. Wenn man die aus den Gewächshäusern rausholt und
an den Ort stellt, wo sie den Sommer über sind, ist das eine echt anstrengende
Arbeit.
Bei vielen anderen Sachen
gibt es Hilfsmittel. Rasenmähen war früher sehr anstrengend, da gibt es heute
einen Rasenmäher-Traktor. Äste, Hecken schneiden musste man früher mit einer
Schere machen, da gibt es heute eine Heckenschere, die elektrisch funktioniert.
Welche Pflanze finden Sie am
aufwendigsten?
Kennt ihr die Viktoria?
Ja, ich bin Viktoria.
Dann müssen wir deine Pflanze
mal angucken gehen. Wir haben eine große Teichrose, die Viktoria. Die ist sehr
aufwendig in der Betreuung.
Im Dezember oder Januar wird
ein kleines Samenkorn in ein kleines Aquarium gelegt. Nicht eins, sondern ein
paar. Dort muss dann dieses Samenkorn auskeimen. Das bildet eine kleine
Viktoria. Das sind die Schwimmblätter, die ihr kennt. Wenn das geklappt hat,
muss sie in ein großes Aquarium gesetzt werden, in unseren
Versuchsgewächshäusern. Dort wächst sie dann weiter, und wenn sie gut gewachsen
ist, kommt sie in ein großes Viktoria-Haus. Und dieses Viktoria-Haus muss
vorbereitet werden. In der Mitte ist ein riesengroßer Pflanztopf. Den sehen wir
gerade nicht mehr, weil da jetzt Wasser drüber ist. In den Pflanztopf hinein
muss Erde, Dünger. Dann muss das ganze Becken mit Wasser geflutet werden. Wenn
das Wasser drin ist, kann irgendwann die Pflanze eingesetzt werden. Dann
braucht sie Nährstoffe, viel Licht und warmes Wasser. Das muss man ständig
kontrollieren. Wenn es zu kalt ist, stirbt sie. Sie braucht viel Pflege. Wenn
sie zu viele Blätter hat, muss man die Blätter rausschneiden, damit die
nächsten Blätter wachsen können. Die sind ganz schön pieksig. Im Oktober muss
man die Pflanze runterschneiden und das Wasser ablassen. Dann muss man den
Pflanztopf entsorgen und die Samen einsammeln. Wenn man die Samen hat, lässt
man sie noch zwei bis drei Monate
liegen. Dann werden sie wieder ausgesät. Und das jedes Jahr. Also, richtig
aufwendig.
An welchem Tag arbeiten Sie am
liebsten?
Ich arbeite eigentlich an
jedem Tag gern. Ich komme auch Sonnabend und Sonntag gern. Vor zwei Wochen
hatten wir Pflanzen- und Büchermarkt. Da sind ganz viele Pflanzen verkauft
worden, ganz tolle Pflanzen. Es sind viele tolle Bücher verkauft worden. Manchmal
haben wir auch Kakteenbörse. Dafür kommt man auch gern mal am Wochenende. Oder
wenn ich in meinem Institut einen Versuch machen muss oder etwas anderes.
An welchem Tag arbeiten alle
am liebsten?
Sagen wir mal, das ist nicht
auf den Wochentag bezogen, sondern es ist nicht 35 Grad, sondern vielleicht 22
Grad. Die Sonne scheint nicht zu heiß. Es sind ein paar Wölken da, wo man
draußen nett arbeiten kann. Wo die Arbeitsatmosphäre, das Klima stimmt. Es ist
eher ein bisschen wetterabhängig.
Was machen alle am liebsten
im Botanischen Garten?
Es ist immer eine große
Freude, wenn wir unsere Pflanzen in kleinen Töpfen vorziehen. Wie man das zu
Hause macht, wenn man Tomaten anzieht. Dann muss man sie aussäen, dann pikieren
[= vereinzeln], dann auspflanzen. Das ist etwas, was bei jeder Pflanze anders
ist.
Man kann ein ganzes Beet mit
tollen Pflanzen, mit unterschiedlichen Farben der Blüten künstlerisch gestalten.
Was natürlich keinen Spaß macht, ist das Unkraujäten oder den Rasen mähen,
diese Routineaufgaben.
Spaß macht es, wenn man
irgendwas Neues macht. Wenn man die neuen Samen auslegt, dann sieht man, wie so
ein Samenkorn keimt und wie dieses Samenkorn eine kleine Pflanze bildet. Das
ist toll.
Was ist Ihr Lieblingsteil im
Botanischen Garten?
Das muss man davon abhängig
machen, für was wir diesen Teil verwenden wollen. Wenn ich mit Studierenden im
Botanischen Garten bin, dann finde ich einen Teil besonders toll, wo es ganz verschiedene
Pflanzen gibt. Jede Pflanze gruppiert man in Familien und man sieht an der
Blütenfarbe oder der Blütenform, das sind zwei, die zusammengehören. Da kann
man mit den Studierenden hingehen und die unterschiedlichen Familien erklären.
Wenn ich aber einem Besucher etwas
zeigen möchte, dann gibt es im Bauerngarten besonders schöne Pflanzen. Und wenn
ich es mal ruhig haben will und ein bisschen Entspannung suche, dann gehe ich
am liebsten in den Erweiterungsteil. Der ist auf der anderen Seite. Da gibt es
unten an der Oker einen kleinen Teich, ein tolles Biotop. Da kommen keine
Besucher hin, weil die meisten es nicht kennen. Da kann man sich ganz wunderbar
ausruhen.
Je nachdem, über was ich
gerade nachdenke, gehe ich zu unterschiedlichen Orten, und ja, unser Tropenhaus
ist toll, das Viktoriahaus ist toll, unser Kakteenhaus ist toll, das
Orchideenhaus ist toll, alles ist toll. Also, es gibt eigentlich keinen
Lieblingsteil, sondern immer in Abhängigkeit von dem, was man gerade vorhat,
geht man da oder dorthin.
Haben Sie eine bestimmte
Lieblingspflanze?
Ja, wir haben eine
riesengroße alte Buche, die ist 250 Jahre alt.
Eine ganz verrückte, ans Trockene
angepasste Pflanze, die heißt Welwitschia mirabilis. Schon mal gehört? Die mag
ich auch, weil sie es schafft, an Standorten in der Welt zu wachsen, wo nichts
anderes wächst.
![]() |
| Eine Welwitschia in Namibia. |
Wann wussten Sie, dass Sie in diesem Bereich arbeiten wollten?
In einem botanischen Garten
oder in einem botanischen Institut?
Generell.
Na ja, ich würde denken, da
war ich nicht viel älter, als ihr jetzt seid, da habe ich mir immer schon
vorgestellt, mit Pflanzen arbeiten zu wollen. Also schon Ewigkeiten. Dass man
Biologie studieren konnte, habe ich zu der Zeit noch nicht gewusst, aber dass
man mit Pflanzen arbeiten möchte, das habe ich schon gewusst. Weil das Arbeiten
mit Pflanzen so toll ist. Die Frage warum, ist total klar. Es ist so spannend. Wenn
man sich überlegt: Die werden so alt. Pflanzen werden so groß. Die bilden so
tolle Blüten. Die schaffen es, sich an alle Umweltbedingungen anzupassen. Die
wachsen in der Wüste, die wachsen im Regenwald, die wachsen im Wasser, die
wachsen unter Wasser. Überall. Außer da, wo die ganze Zeit Frost ist.
In was für Berufen arbeitet
man hier eigentlich?
Im Garten sind es natürlich Gärtner
und Gartenmeister. Ich zum Beispiel bin Diplom-Biologe, bin als Hochschullehrer
unterwegs, bin in der Lehre, in der Forschung. Aber man braucht natürlich auch
eine Sekretärin, die ein paar Dinge organisiert. Wir haben auch jemanden, der
sich mit Technik auskennt. Ganz unterschiedlich.
Welche Pflanzen werden am
ältesten?
In unserem botanischen Garten
ist die älteste Pflanze eine Buche. Die ist 250 Jahre alt. Es gibt bei uns in
Mitteleuropa andere Bäume, die auch noch älter werden als Buchen. Das sind zum
Beispiel Eichen und Linden. Die können 500, 600 oder auch 800 Jahre alt werden.
Und es gibt Bäume, die werden auch mal 3.000 oder 4.000 Jahre alt. Das ist aber
eher selten. Es gibt ein paar Mammutbäume, die werden 1.000, 1.500 Jahre alt. Und
es gibt zum Beispiel die Kiefern. Von denen weiß man, wenn die im Hochgebirge
wachsen, wachsen die ganz langsam. Da gibt es wirklich welche, die sind so
4.000 Jahre alt. Wobei es richtig schwer ist, das nachzuweisen, weil man das
kaum noch mit Jahresringen machen kann.
Welche Pflanzen sind eigentlich
am seltensten hier im Garten?
Wir haben zum Beispiel sowohl
im Freiland als auch im Gewächshaus verschiedene Orchideen. Orchideen sind
stark gefährdete Pflanzen und damit sehr selten. Es gibt aber auch viele
Pflanzen, die bei uns in Trockenrasenflächen vorkommen. Oder es gibt Pflanzen,
die eher im alpinen Bereich vorkommen, also im Hochgebirge. Da haben wir auch
einige.
Unsere nächste Frage wäre,
was bieten Sie für Schulen an?
Für Schulen machen wir
einerseits Führungen. Ich hatte letzte Woche eine Schulklasse hier, 13 Jahre
alt, siebte Klasse, glaube ich. Die sind aus Göttingen hergekommen und mit
denen habe ich eine Führung gemacht. Erst waren wir im Hörsaal, da habe ich
eine kurze Vorlesung gehalten. Danach waren wir im Botanischen Garten.
Aber wir haben noch etwas
viel Wichtigeres, wir haben die Grüne Schule. Und da muss man sagen, da muss
man hin. Die ist hinter dem Dienstgebäude der Gärtner und den Gewächshäusern, ein
altes, kleines Fachwerkhaus. Da meldet man sich als Schulklasse an und sagt,
man möchte mit meiner Schulklasse 90 Minuten, zum Beispiel, durch den Garten
laufen und sich Blütenpflanzen angucken.
Ich glaube, das haben wir
auch gemacht mit meiner Klasse. Da
haben wir eine Blüte auseinander genommen.
Wunderbar, Grüne Schule, das
ist genau das.
Was finden Sie am Garten
verbesserungswürdig?
Es gibt zwei Sachen, an denen
wir gerade arbeiten. Wir haben hier den alten Teil des Botanischen Gartens, den
jeder kennt. Und drüben gibt es einen neuen Teil, einen Erweiterungsteil, den
kennt keiner. Im Augenblick, wenn man da hingehen will, muss man über die
Humboldtstraße, dann muss man an einem großen Gebäude der Psychologie vorbei
und noch zweimal um eine Ecke. Keiner findet es. Und man muss über die Straße.
Was wir gerade eben gemacht
haben, ist, das
s wir angefangen haben, einen Weg zu bauen. Den Weg haben wir
bis zur Brücke fertig. Es ist wichtig, dass wir auch den zweiten Weg noch
schaffen, damit wir den Erweiterungsteil verbinden können mit dem alten Teil.
Das werden wir aber erst im nächsten Jahr packen.
Und was auch für mich wichtig
ist, ich weiß nicht, ob ihr das gesehen habt, hier waren früher Treppen. Das
heißt, mit einem Kinderwagen, mit einem Rollator, Leute, die schlecht gehen
konnten, konnte man nie in das Tropenhaus. Da ist jetzt keine Treppe mehr, da
ist eine Rampe. Das heißt, man kann mit jeder Art von Hilfsmitteln runter.
Was wir hier in dem Teil
nicht haben, ist eine behindertengerechte Toilette. Wir haben sie im
Erweiterungsteil, aber da muss man erst rüber fahren. Es wäre schön, wenn wir
auch hier eine behindertengerechte Toilette hinbekommen.
Ansonsten ist unser Garten
ganz toll, wenn ihr da durchgeht, der ist wirklich gut in Ordnung. Wir haben
ein ganz tolles Gärtnerteam, die organisieren alles, sieht einfach toll aus.
Wie lange arbeiten Sie
eigentlich schon hier?
Ich bin in dem Haus seit 1992.
Was ist Ihre Lieblingspflanzenheimat?
Da muss man jetzt ehrlich
sein: Es ist überall toll. Und ich bin überall schon gewesen, aber richtig
auskennen tut man sich eigentlich nur hier. Also, deswegen: Mitteleuropa,
vielleicht hier der Bereich von Niedersachsen, das ist schon toll. Aber ich bin
auch in Nigeria schon gewesen, in Ghana, war also im tropischen Regenwald. Ich
bin in Australien gewesen, habe mir dort die Wälder angesehen, ganz toll. Ich
bin im Permafrostgebiet von China gewesen, großartig. Es gibt wahnsinnig tolle
Gebiete.
Wir haben weltweit 360.000
Arten, sagt man. Und wenn man irgendwo anders hinfährt, dann weiß man plötzlich
gar nichts mehr. Das ist deswegen auch für einen Botaniker schwer.
Was ist Ihre erfolgreichste
Pflanze? Die Seerose oder?
Was meint erfolgreich? Also, dafür
reisen Touristen an? Ja, dann würde ich sagen, das ist die Viktoria. Aber ich
würde auch sagen, dass Orchideen ganz toll sind. Die meisten Leute gucken sich
natürlich eher gerne Dinge an, die man nicht täglich sieht.
Weshalb fährt man zum
Beispiel in einen Zoo? Weil man gerne Giraffen angucken will. Und nicht einen
Hund. Und weshalb fährt man gerne in einen botanischen Garten? Weil man sich
gerne einen Kaktus angucken will, einen Schwiegermutterstuhl zum Beispiel. Oder
die Welwitschia oder die Viktoria, weil man die halt nicht täglich sieht.
Ansonsten muss man natürlich
sagen, wenn man dieses „erfolgreich“ mal anders betrachtet. Dann ist es die Buche.
Wenn wir hier Menschen nicht wären, dann wäre die Buche das.
Arbeiten Sie eher im Team
oder nicht?
Unbedingt im Team. Die Frage
gibt es eigentlich gar nicht. Wenn wir hier im Haus gucken, da gibt es das
Forscherteam. Da hat jeder seine Aufgabe. Der eine ist besser in der einen
Technik, der andere besser in der anderen. Das ist bei dem Gartenteam genau
dasselbe. Der eine ist besser im Gewächshaus, der andere ist besser draußen.
Wie ist der Gründer auf die
Idee gekommen ist, diesen Garten zu eröffnen?
Naja, die Idee ist relativ
einfach. Wir sind eine Uni und wir waren schon immer eine Uni. Die hieß damals
anders, aber im Prinzip eine Lehreinrichtung. Und so, wie man in der Schule
einen Schulgarten braucht, damit man Kindern beibringt, wie man eine Pflanze
anzieht, brauchten wir hier einen Ort, wo man Pflanzen sammeln kann.
Damit man die Pflanzen zum
Beispiel in einer Vorlesung oder einem Praktikum den Studierenden zeigen und
sagen kann, so und so sieht eine Kartoffel aus, oder so wächst eine Tomate. In
dem Fall waren es in der Regel pharmazeutisch wichtige Pflanzen, also
irgendwelche Heilpflanzen, die man angezogen hat. Für die Lehre und für die
Forschung braucht man Material zum Zeigen.
Der Garten ist 1840 gegründet
worden. Also der Garten an dieser Stelle. Der Vorläufergarten ist ein paar
Jahre vorher gegründet worden, 1828. Der war aber nicht hier, sondern auf der
gegenüberliegenden Seite der Oker, da, wo jetzt die AOK steht.
Fotos: WGtarier, Welwitschia: von Ragnhild&Neil Crawford from Sweden - Welwitschia mirablis-1397, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75659010















