„Wie kann ein Mensch zugleich Wunde und Pflaster sein?” Ein Essay von Halla Naameh (11b).
In Liebesgeschichten, romantischen Filmen und auch im
echten Leben hört man oft den Satz: „Ein Mensch kann sowohl die Wunde als auch
das Pflaster sein.“
Doch ich habe mich gefragt, wie kann eine Person
gleichzeitig Schmerz und Heilung sein? Wie kann es sein, dass man sich jemandem
so nah fühlt und gleichzeitig innerlich so weit entfernt? Sind es vielleicht
einfach die falschen Menschen, die uns glücklich machen und uns am Ende doch
mit einem schlechten Gefühl zurücklassen? Und wenn ja, warum? Warum schmerzt
unser Herz manchmal so sehr und wir machen trotzdem weiter?
Wenn man sagt, ein Mensch könne gleichzeitig Wunde und
Pflaster sein, klingt das zunächst romantisch. Wir konzentrieren uns auf das
„Pflaster“ und vergessen dabei oft, warum die Wunde überhaupt entstanden ist.
Die Vorstellung, dass eine Person gleichzeitig Problem und Lösung sein kann,
wirkt beinahe schön. Doch die Realität ist deutlich komplizierter.
Ein Grund dafür liegt vielleicht auch in der Welt, in
der wir heute leben. Social Media setzt uns nämlich selbst in der Liebe unter
Druck. Jeder zweite Beitrag, jedes zweite Reel vermittelt dieselbe Botschaft:
Antworte nicht zu schnell, schreib nicht zuerst, gestehe niemals zu viele
Gefühle und zeige bloß nicht zu viel Interesse. Geduld wirkt plötzlich wie
Schwäche, obwohl sie in einer Zeit vor Social Media oft als Zeichen echter
Liebe galt.
Dadurch sind wir an einem Punkt angekommen, an dem
viele Menschen Angst davor haben, ihre echten Gefühle zu zeigen. Aus Angst vor
Zurückweisung verstecken wir Emotionen lieber, statt offen zu sein.
Missverständnisse verstärken diese Unsicherheit zusätzlich, bis wir uns
irgendwann selbst darin verlieren. Es wirkt fast so, als gäbe es eine bestimmte
Form, in die Liebe hineinpassen muss und wenn sie anders aussieht, sei sie
nicht „richtig“.
Dabei bringt uns Social Media kaum noch bei, Menschen
einfach auf ihre eigene Art zu lieben. Stattdessen lernen wir ständig Regeln
darüber, wie man wirken soll. Doch Liebe entsteht nicht durch Spielchen oder
vorgeschriebene Verhaltensweisen. Sie entsteht zwischen zwei Menschen. Wenn
einer von beiden ein falsches oder unrealistisches Bild von Liebe entwickelt,
kann das den anderen verletzen oder unter Druck setzen.
Oft merken wir gar nicht, dass wir uns dadurch in einem
Teufelskreis befinden. Wir verlieren langsam die Fähigkeit, ehrlich zu fühlen,
weil andere für uns definieren, was Liebe angeblich sein soll. Dabei gibt es
keine allgemeingültige Definition von Liebe. Dies zeigt sich etwa bei dem
Philosophen Erich Fromm, der Liebe nicht als eine feste Empfindung, sondern als
eine Kunst auffasste, die jeder Mensch auf seine eigene Weise verwirklicht. Jeder
Mensch liebt auf seine eigene Weise. Trotzdem versuchen wir immer häufiger,
alle Gefühle in dieselbe Form zu pressen und vergessen dabei, dass echte Liebe
gerade durch ihre Unterschiede entsteht.
Doch gesellschaftliche Einflüsse allein erklären nicht,
warum Liebe uns so tief berührt. Ein Blick auf die biologischen Prozesse zeigt,
dass auch unser Körper eine wichtige Rolle spielt. Verliebtsein mag oft wie
etwas Magisches erscheinen, biologisch betrachtet ist es jedoch ein komplexes
Zusammenspiel aus Gehirn, Hormonen und Nervensystem. Sobald wir jemanden
attraktiv finden, aktiviert unser Gehirn das Belohnungssystem. Dabei spielt
Dopamin eine zentrale Rolle. Es sorgt für Glücksgefühle, Motivation und
Energie. Viele kennen dieses Gefühl, wenn man etwas erreicht, worauf man stolz
ist. Beim Verlieben passiert etwas Ähnliches nur deutlich intensiver. Deshalb
denken Verliebte oft ständig an die andere Person.
Gleichzeitig wird Noradrenalin ausgeschüttet. Dadurch
gerät der Körper in eine Art angenehmen Alarmzustand. Das Herz schlägt
schneller, man ist aufgeregt, die Hände zittern vielleicht und dieses berühmte
Kribbeln im Bauch entsteht. Parallel dazu sinkt häufig der Serotoninspiegel.
Das kann dazu führen, dass wir uns stark auf eine Person fixieren und sie kaum
noch aus dem Kopf bekommen.
Außerdem arbeitet der Bereich im Gehirn, der für
kritisches Denken zuständig ist, während der Verliebtheitsphase weniger aktiv.
Deshalb sehen wir die andere Person oft durch die sogenannte „rosarote Brille“.
Schwächen werden ausgeblendet oder wirken plötzlich unwichtig. Wenn die Gefühle
später schwächer werden, fragen wir uns manchmal: „Wie konnte ich mich
nur in diese Person verlieben?“
Dabei hat sich die Person vielleicht gar nicht
verändert nur unsere Wahrnehmung.
Wenn aus Verliebtheit eine tiefere Bindung entsteht,
kommt ein weiteres Hormon ins Spiel: Oxytocin, auch bekannt als Bindungs- oder
Kuschelhormon. Es sorgt für Vertrauen, Nähe und Sicherheit. Mit der Zeit wird
aus intensiver Verliebtheit eine ruhigere, stabilere Verbundenheit. In unserem
Körper passiert also unglaublich viel, wenn wir lieben
Doch die eigentliche Frage bleibt: Wie kann eine Person
gleichzeitig Wunde und Pflaster sein?
Vielleicht liegt die Antwort gar nicht nur in der
anderen Person, sondern auch in uns selbst. Vielleicht fühlt es sich deshalb so
an, als könne ein Mensch zugleich Wunde und Pflaster sein. Je wichtiger uns
jemand wird, desto größer ist die Chance, Geborgenheit und Nähe zu erfahren,
aber auch das Risiko, verletzt zu werden. Nähe schafft Vertrauen, macht uns
jedoch gleichzeitig verletzlich. Genau deshalb entstehen Trost und Schmerz oft
aus derselben Verbindung. Heilung entsteht durch Nähe, Geborgenheit und gemeinsame
schöne Momente. Schmerz hingegen entsteht, wenn wir jemanden lieben, der uns
nicht guttut oder nicht wirklich zu uns passt. Vielleicht ist das „Pflaster“
also gar nicht die Person selbst, sondern das, was sie in uns auslöst:
Hoffnung, Gefühle und das tiefe Bedürfnis nach Nähe. Die Wunde hingegen
entsteht oft dann, wenn die Realität nicht mit unseren Vorstellungen
übereinstimmt. Man könnte es mit einem Glassplitter vergleichen: Das Glas
verursacht die Verletzung, doch das Pflaster kommt von uns selbst. Heilung
beginnt nicht außerhalb von uns, sondern in unserem eigenen Umgang mit
Gefühlen.
Genau hier entsteht auch die Gefahr, Liebe mit
Selbstverlust zu verwechseln. Soziale Medien romantisieren oft ungesunde
Beziehungen. Aussagen wie „Für die Liebe würde ich alles aufgeben“ oder „Eine
Person kann gleichzeitig Wunde und Pflaster sein“ klingen tiefgründig und
romantisch, können aber gefährlich sein. Liebe sollte nicht bedeuten, sich
selbst zu verlieren.
Wie oft haben Freunde schon gesagt:
„Pass auf, du gibst gerade alles für diese Person auf.“
Und trotzdem wollten wir es nicht hören, weil wir
dachten:
„Aber das ist doch Liebe.“
Wenn wir dieselbe Situation bei jemand anderem
beobachten, erkennen wir oft sofort, dass sie nicht gesund ist. Bei uns selbst
fällt das deutlich schwerer. Vielleicht gerade deshalb, weil Liebe unsere Sicht
verändert.
Am Ende bleibt vielleicht nicht die Frage, ob ein
Mensch gleichzeitig Wunde und Pflaster sein kann. Vielleicht sollten wir uns
vielmehr fragen, warum wir manchmal erwarten, dass jemand anderes heilt, was in
uns verletzt wurde. Ein Mensch kann uns Nähe schenken, uns auffangen und
begleiten. Doch die eigentliche Heilung entsteht nicht durch ihn, sondern durch
unseren Umgang mit dem, was wir fühlen. Liebe kann uns Halt geben, aber sie
sollte nicht zur Bedingung dafür werden, dass wir uns selbst wertvoll fühlen.
Denn Liebe wird nicht dadurch größer, dass wir uns selbst verlieren. Sie wird
größer, wenn wir uns selbst treu bleiben. Ein Mensch kann ein Teil unseres
Weges sein, aber niemals unser ganzer Weg. Vielleicht geht es also gar nicht
darum, ob jemand Pflaster oder Wunde ist. Vielleicht geht es vielmehr darum, ob
wir uns selbst bewahren können, während wir lieben. Denn echte Liebe sollte uns
nicht kleiner machen, sondern wachsen lassen.
Bild: Hello Cdd 20 Pixabay



















