Dienstag, 22. September 2026

Graffiti-Künstlerin

Ich suche Motive, die die Leute irgendwie berühren und irgendwas mit dem Ort machen.“ Sumeja Bangoji und Neva Nur Gültas (12. Jahrgang) im Gespräch mit der Graffiti-Künstlerin Myra Martin, die mit Philip Pohl alias Pinky Ponko und Robert Wollschlaeger das Graffiti-Projekt am WG geleitet hat.

 

Wie bist du zum Graffiti gekommen? Was hat dich daran fasziniert und weißt du noch, wie dein erstes Graffiti aussah?

Ich habe tatsächlich über Workshops angefangen. Das erste Mal mit neun. Bei einem Sommerfest in einem Flüchtlingsheim wurde eine Wand mit einer Unterwasserwelt angemalt. Da habe ich einen orangenen Fisch gemalt. Und dann mit 14 habe ich wieder einen Workshop mitgemacht und irgendwann richtig angefangen und öfter gemalt.

Was ich faszinierend fand: Ich hatte vorher schon total viel naturalistisch gezeichnet, mit Bleistiften oder Buntstiften, aber halt immer nur auf DIN-A4-Papier zu Hause, alleine im Zimmer oder wo auch immer. Plötzlich so eine große Wand anzumalen, fand ich sehr toll.

Und gab es jemanden, der dich besonders inspiriert oder beeinflusst hat?

Philipp von Zitzewitz ist quasi mein Graffiti-Papa. Philipp hatte mich damals gefragt, ob ich zum Workshop kommen möchte, und mir die ersten Sachen gezeigt. Der ist auch einfach als Person mega chillig. Und ich dachte: „Krass, so ein Leben kann man führen?“

Philipp ist der Mentor von Melina Grasso, und Melina hat mich an die Hand genommen. Sie hat mich sehr geprägt und wir sind auch supergut befreundet. Zweimal habe ich bei ihr einen Workshop mitgemacht. Dann hat sie mich gefragt, was ich gern werden möchte, und meinte: „Ich mache jetzt bald mein Bachelorprojekt von der Uni (Experimentelle Gestaltung, Hochschule Hannover). Hast du Bock, da mitzumachen und mir zu helfen?“

Sie hat mich nach Flensburg eingeladen und wir haben zusammen – ich konnte mich dafür von der Schule freistellen lassen – zwei lange Wochenenden daran gearbeitet. Danach hat sie mich immer mehr zu Aufträgen mitgenommen und irgendwann, zwischen meinen Abi-Prüfungen und dem Abi in der Hand, hatte ich meinen ersten Auftrag. So hat es gestartet, ich habe ein Kleinunternehmen angemeldet und gelernt, wie man Rechnungen schreibt. Ich kam vom Dorf und das Projekt kam in die Zeitung und plötzlich waren da viele andere Leute, die gesagt haben: „Sowas hätte ich auch gerne an meiner Garage.“ Genauso ging es los, dass ich irgendwie auf eigene Beine kam.


Wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben? Und wie hat er sich im Laufe der Zeit entwickelt?

Ich komme auf jeden Fall aus dem Naturalistischen. Ich wollte am Anfang Dinge so darstellen wie in echt. Dann habe ich ausprobiert: Was passiert, wenn ich andere Farben nehme? Oder die Farbe runterlaufen lasse?

Gerade denke ich mehr über die Motive nach. Letztens habe ich meine Oma und ihren Bruder an eine sehr große Wand gemalt, in Broitzem. Ich frage mich sehr, was Bilder mit dem Raum und den PassantInnen machen. Weil gerade ältere Menschen ja sehr aus der Gesellschaft gedrängt werden, oft keine so „sinnvolle“ Rolle mehr einnehmen und daher separiert werden. Und dann den beiden so viel Raum zu geben. Und sie sind da so fröhlich auf der Fassade. Und es ist ja auch total schön, alt zu werden, was meist so negativ geframed ist. Vorletzte Woche habe ich zwei befreundete Personen gemalt, die nun kuschelig an einem Ort an der Straße rumliegen.

Ich suche Motive, die die Leute irgendwie berühren, ja irgendwas mit dem Ort machen. Da bin ich so auf der Suche.

Wie entsteht ein Graffiti bei dir normalerweise? Woher bekommst du deine Idee?

Oft suche ich nach Fotos, die ich selbst gemacht habe, weil ich schon größtenteils eine Referenz brauche. Manchmal male ich auch eine Zeichnung. Irgendwas aus meinem Leben. Ich suche nach Erlebnissen, an die ich eine Erinnerung habe, oder Menschen, mit denen ich etwas verbinde.

Ich habe mal in Halle-Neustadt mit zwei Friends rumgehangen und es kam ein Mädchen und hat mit uns gespielt. Wir haben die ganze Zeit Purzelbäume und Radschläge gemacht zwischen den Plattenbauten. Dann habe ich sie gezeichnet und später an eine Wand gemalt in Lüneburg.

Es war verwunderlich, dass sie so offen war und da einfach alleine rumspaziert ist. Vielleicht hatten ihre Eltern nicht viel Zeit für sie. Sie musste zum Essen nach Hause gehen und kam nochmal kurz mit einem Briefumschlag voll Konfetti und einem lieben Zettel drin herunter. Das hat mich berührt.

Viele Menschen verbinden Graffiti immer noch mit illegalem Sprayen und auch Vandalismus. Warum, glaubst du, ist dieses Bild so verbreitet? Und wie würdest du dir wünschen, dass Graffiti stattdessen wahrgenommen wird?

Es kommt ja auch aus dem Illegalen. Es kommt aus New York, aus der Bronx. Da war Schutt und Asche. Es war gewaltvoll.

Und dann haben Kinder angefangen, ihren Namen in die Gegend zu schreiben. Das ist so ein „Sich-gesehen-fühlen“ und irgendwie eine Wut oder eine Rebellion. Und es wurde angefangen, Züge anzumalen. Die weiter fahren als die eigenen Füße laufen. Es ist auch ein Akt des Infragestellens: wem der Raum gehört, der öffentliche Raum, und wem Häuser gehören.

Das ist dieser Graffiti-Geist.

Da gibts auch einige in der Szene, die Street-Art blöd finden, wegen Gentrifizierung. Und weil es als Mittel gegen Graffiti verkauft wird.

Es gibt viele Leute, die, wenn ich an der Wand stehe, vorbeikommen und sagen: „Das ist aber toll, das ist Kunst und hoffentlich wird es nicht übersprüht.“ Und „diese blöden Schmierereien“.

Ich finde es schade, dass so ein Kontrast aufgemacht wird. Gäbe es keine Tags und kein illegales Graffiti, würde es auch niemals diese Wandmalereien geben – oder nicht mit der Sprühdose, weil die Dosen ja überhaupt erst aus Ersterem heraus entwickelt wurden.

Es gehört schon auch eng zusammen. Es gibt viele, die aus dem Illegalen kommen und dann irgendwann anfangen, auch Aufträge zu malen. Das wird oft weggedacht.


Und wie würdest du dir wünschen, dass Graffiti wahrgenommen wird?

Ich wünsche mir, dass ein größeres Verständnis da wäre. Weil ich in Halle, wo ich studiere, öfter in Gegenden unterwegs bin, wo die Leute Street-Art doof finden und wütend sind. Und das ist gar nicht so toll für mich, es sind schon verschiedene Welten: Graffiti, Aufträge und Festivals. Und irgendwie ist es doch schön, dass man so viel mit der Dose machen kann. Es geht einfach darum, dass Leute ihre Freude daran haben und ihr Ding machen können.

Wo liegt für dich persönlich die Grenze zwischen Graffiti als Kunst und Graffiti als Vandalismus?

Ich finde es schon ultra interessant, dass verschiedene Menschen auf einer Fläche im öffentlichen Raum miteinander interagieren. Die Komposition. Ich mag es persönlich auch, wenn es nicht so clean ist.

Und die Frage ist auch: Was ist Kunst?

Wenn ich Kaffeetassen male, sagen die Leute auch immer: „Das ist Kunst“, aber es fühlt sich mehr wie ein Handwerk an.

Ich studiere Kunst an der Uni. Da gibt es Profs, die sagen, ich soll mit Sprühen aufhören, weil das meine künstlerische Entwicklung negativ beeinflusst. Andererseits merkt man, dass Graffiti immer mehr Einfluss auf die Galeriekunstwelt hat und mehr Arbeiten dort ihren Raum finden, auch mit illegalem Hintergrund. Dass es da eine Kunstszene gibt.

Auf jeden Fall sauspannende Fragen, weil es auch Fragen sind, die ich mir gerade selber stelle. Ja, ich glaube, ich würde das gar nicht so trennen.

Gibt es deiner Meinung nach genug Möglichkeiten für Graffiti-Künstler oder -Künstlerinnen, legal zu arbeiten und dann die Kunst zu zeigen? Und kann man damit zum Beispiel die Politik ein bisschen verändern oder auf irgendetwas einen bestimmten Einfluss nehmen?

Es gibt in vielen Städten legale Wände, Halls of Fame. Von daher gibt es auf jeden Fall den Space, da hinzugehen und das zu lernen, sich mit Leuten zu treffen und zu malen. Und man kann auch in der Stadt fragen: „Hey, kann ich ihr Haus anmalen?“ Dann geben vielleicht Leute nicht unbedingt Geld, aber es ist auch eine Möglichkeit, wie man zu Flächen kommen kann.

Und ich glaube, irgendwie hat es schon einen Einfluss. Was meint ihr mit Politik? Vielleicht keinen sichtbaren Einfluss auf irgendwelche Parteien, aber auf persönlicher Ebene. Und das kann ja auch sehr politisch sein.

Beispielsweise dieses Bild, das ich in Broitzem gemalt habe. Da gab es auch einiges an Kritik. Eine Frau meinte: „Nee, dass ich das da so groß hinmale, das wäre ja irgendwie – bedrückend.“ Aber eine andere meinte: „Wieso denn? Was ist denn da bedrückend? Die gucken doch fröhlich.“

Ich verstehe schon, dass man das Bild ganz anders wahrnimmt, wenn man Angst vorm Älterwerden hatals wenn man keine Angst hat. Aber das ist dann vielleicht ein Prozess, der angestoßen wird. Hoffentlich. Auf jeden Fall war das ein Moment, wo ich dachte: „Okay, krass, da kommen irgendwie Emotionen.“

Kann man als Graffiti-Künstlerin tatsächlich seinen Lebensunterhalt damit verdienen?

Ja, ich kenne genug Leute, die das machen. Einige machen auch parallel andere Sachen, wie zum Beispiel Pinky Ponko oder Philipp von Zitzewitz, über den ich angefangen habe, der auch noch Filmer ist, oder Melina, die macht es komplett übers Sprühen und kommt da gut mit aus.

Das war auf jeden Fall das, was mich mit 14 total beeindruckt hat, weil ich immer dachte: „Ich will irgendwas mit Kunst machen“, aber halt Richtung Grafikdesign oder Design oder etwas, womit ich über die Runden kommen kann.


Und dann zu sehen: Alter, es gibt Leute, die davon leben können. Es gibt irgendwie eine Möglichkeit zu überleben und an Essen zu kommen und die sind auch noch ultra entspannt drauf.

Momentan studiere ich, kriege auch BAföG, von daher bin ich noch nicht darauf angewiesen, was sehr angenehm ist, weil ich das Gefühl habe, dass ich mich künstlerisch freier entwickeln kann.

Sind es eher Privatpersonen, Unternehmen, Städte oder andere Auftraggeber?

Momentan bin ich eher auf Festivals und Veranstaltungen unterwegs. Die werden dann durch gewisse Fördertöpfe gefördert oder von Dosen- oder Fassadenfarbenfirmen gesponsert. Vorher waren es Cafés, Fußballverein, Privatpersonen. Oder halt Workshops geben über Jugendzentren vor allem.

Was war bisher dein größter oder ungewöhnlichster Auftrag?

Ich muss gerade an den Bierguru denken, der wollte Bier und den Schriftzug Guru darüber. Das Größte war aber kein Auftrag, sondern beim Colour & Soul Festival 2026 diese Wand der Seniorenwohnanlage vom Paritätischen in der Helene-Künne-Allee, 9 × 9,7 Meter. Vorher waren die größeren Sachen 6 × 7 Meter.

Ich finde es immer wieder besonders, wenn man mit Leuten interagiert, die man vorher nicht kannte. Die irgendeinen Lebensweg haben, von dem man was mitbekommt, und die unterschiedliche Lebensrealitäten haben. Ich denke an den Alltag eines alten Pärchens, deren Garage ich angemalt habe.

Was sind die größten Herausforderungen?

Oh, ich finde jedes Bild ist eine Herausforderung, weil es immer diesen Punkt gibt, wo du denkst: „Oh Gott, das wird nichts.“ Dann muss man einfach weitermalen und merkt irgendwann: „Okay, alles gut, das wird gut.“ Von daher ist jedes Bild ein kleiner Kampf.

Ich finde die Vorbereitung auch immer herausfordernd. Mit der Zeit wird das entspannter, aber ich bin immer mit dem Geld am Abwägen: Ist das zu wenig oder zu viel? Dass man das Material und alles richtig einschätzt. Oder auch die Kommunikation mit den Kunden. Kund*innen sind manchmal herausfordernd.

Wie gehst du mit Kritik an deiner Kunst um?

Jetzt zum Beispiel in Broitzem: Dass es denen zum Teil nicht gefällt, finde ich erst mal total spannend und bin neugierig, da mehr herauszufinden. Aber wenn Leute generell Streetart scheiße finden, dann weiß ich auch nicht so genau, was ich da machen kann. Es kommt total darauf an, wie Kritik geäußert wird.

Gibt es Phasen, in denen du durch Kritik oder generell von dir selbst aus keine Motivation mehr hast?

Ja, so in diesem Umkreis, wo es weniger positive Resonanz gibt, seit ich umgezogen bin. In Hannover, wo ich herkomme, hatte ich halt viele Leute, die mich und das, was ich gemacht habe, voll gepusht haben. Und ein Raum von Leuten, die das eher doof finden plus Uni – ja, das hat auf jeden Fall meinen Spaß daran beeinflusst. Ich hatte das Gefühl: „Boah, ich hab keine Lust mehr. Woran kann das liegen? Das war doch immer meine Prio eins.“ Es ist halt auch ein sehr gemeinschaftliches Ding. Zum Beispiel jetzt, wie wir den Workshop zusammen geben, das macht halt 1000-mal mehr Spaß, da zusammen zu stehen. Was ein sehr schönes Ding ist beim Sprühen. Naja, das war schon blöd, aber dann hat Pinky mich besucht und dann hat es doch wieder Spaß gemacht, nachdem ich mich über den ‚Ich glaub, das wird nix‘-Punkt gewagt hab. Dann kamen die Projekte im Sommer und ich habe gemerkt: Es ist doch das Beste, was man so machen kann. Es fühlt sich so sinnstiftend an.

Gibt es etwas Bestimmtes, was du bei einem Projekt oder bei Aufträgen oder generell vermitteln möchtest? Hast du eine Message?

Bei Workshops ist es mir total wichtig, möglichst viel Freiraum zu geben. Ich finde es toll, wenn alles aus der Gruppe kommt. Von außen zu merken, wie eine Gruppe zusammenarbeiten kann. Ich finde es bei euch allen so heftig, ihr arbeitet so schön zusammen, fragt immer rechts und links nach, wie das jetzt so passt. Es geht mir darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle trauen, sich auszudrücken. Den Leuten das Gefühl zu geben: „Hey, du kannst das. Probier dich aus.“ Und einen wertfreien Raum zu schaffen, in dem Menschen sich wohlfühlen. Gruppendynamik finde ich spannend.


Denkst du auch, dass Kunst generell und auch Graffiti dabei helfen kann, Selbstvertrauen aufzubauen, vor allem auch bei Anfängern?

Mir hat es auf jeden Fall sehr viel Selbstvertrauen gegeben. Vor allem dadurch, dass ich plötzlich eigenes Geld verdienen konnte und auf eigenen Beinen stand. Ich habe gemerkt, dass ich mich schon superkrass damit identifiziert habe und weiterhin tue. Erst war es einfach wie ein neues Medium, aber irgendwie ist da noch was anderes. Die Leute.

Wie viel Selbstvertrauen habt ihr beim Sprühen?

Also, ich muss sagen, am Anfang war es ein bisschen schwierig. Weil es nicht immer so funktioniert hat, wie man das eigentlich möchte.

Aber dann hast du uns gezeigt, dass, wenn es runterläuft, das auch eine Art Stil ist, obwohl es nicht beabsichtigt war. Also, auch wenn es nicht so läuft, wie man möchte, es trotzdem auf eine bestimmte Art schön aussehen kann. Und dass es nicht immer perfekt sein muss. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass wir es so direkt richtig gut können.

Ja, ich würde auch sagen, dass es herausfordernd ist. Anfangs sieht es so aus, als ob das nichts wird, aber wenn man fast am Ende ist, dann sieht man: Okay, es ist doch etwas geworden. Dann bin ich schon ein bisschen stolz auf mich.

Ja. Ich finde, es ist auch voll toll geworden.

Danke! Wenn du heute auf deinen gesamten Weg zurückblickst, gibt es irgendetwas, was du als Künstlerin in Zukunft noch planst? Oder möchtest du noch irgendetwas erreichen beziehungsweise ausprobieren?

Oh, mein gesamter Weg. Ich bin ja auch erst 21. Das klingt so groß. Gerade bin ich happy mit dem, wie es ist. Auch, dass Zufälle zu dem und dem geführt haben und ich jetzt da bin, wie ich gerade bin. Dass so viele Leute mich an die Hand genommen oder mir Perspektiven geschaffen haben.

Wie zum Beispiel Jascha Müller, der das „Hola Utopia! Street Art Festival“ in Hannover mitgegründet und gefragt hat: „Hey, möchtest du den Workshop nächstes Jahr mitleiten?“, als ich beim Workshop mitgemacht habe. Seitdem bin ich jedes Jahr dabei und assistiere Künstlerinnen und Künstlern und bekomme Flächen zum Malen.


Da habe ich Lily Brick aus Barcelona assistiert. Da war ich vielleicht 17 und konnte mich eine Woche von der Schule freistellen lassen und ihr bei der 20 Meter hohen Wand helfen. Sie reist durch die Welt und malt überall Wände an. Das fände ich schon cool, wenn es mich vielleicht auch woanders hinführt, in andere Länder, Menschen kennenlernen. Dieses Jahr habe ich das erste richtig große Mural gemalt. Das fand ich toll und ich würde gerne noch mehr große Sachen malen und mich weiter vernetzen und Leute haben zum Zusammenmalen, weil das so spaßig ist.

Gibt es einen bestimmten Traum oder ein Projekt, das du unbedingt noch verwirklichen möchtest?

Das Bild, was ich in Hannover gemalt habe, das hatte ich gefühlt seit einem Jahr im Kopf. Das ist jetzt schon gemalt. Dieses Jahr ist ein krasses Jahr, die große Wand habe ich auch gemalt. Ich glaube, ich muss mir jetzt erst mal neue Träume überlegen. Gerade bin ich ein bisschen am Ausprobieren, noch abstraktere Elemente mit reinzubringen. Ich mach im Studium sehr andere Sachen, so Richtung Performance, Film und Zeichnung. Irgendwie habe ich das Gefühl, das jetzt alles langsam zusammenfindet, und ich bin gespannt, wie es weiter verwächst.


Hast du noch etwas, was du als Message weitergeben möchtest?

Ja, den Gedanken von „Hey, ich kann erst mal das machen, was mir Freude bereitet und dann in die Richtung weitergehen“. Ich habe das Gefühl, es sind so viele Jobs so unsicher mit KI. Bei so viel Unsicherheit in der Welt, denkt man vielleicht „Ich mach lieber den sicheren Weg“, aber man weiß sowieso nicht, ob der sicher ist.
Ich probiere jetzt aus, dass ich erst mal das Unsicherere mache. Was gerade läuft, aber man weiß nicht, wie lange noch Geld dafür da ist.

Es würde mich freuen, wenn Leute das lesen und sich ermutigt fühlen, dem zu folgen, was ihnen Freude bereitet.

Es gibt ja viele, die sagen – auch Leute, die mit mir in der Schule waren – „ich mache lieber was, wo ich viel Geld verdiene, weil ich mir dann den Urlaub gut finanzieren kann, und das Andere mache ich in meiner Freizeit“. Ich glaub, das ist auch ein Weg, den man gut fahren kann, das will ich gar nicht bewerten. Aber mir taugt es auf jeden Fall sehr, mein Leben möglichst frei gestalten zu können. Ich bin sehr dankbar, dass ich das so machen kann.

Dann bedanken wir uns für deine Zeit und auch für das Interview.

Ja, ich danke auch. Das waren auf jeden Fall die spannendsten Fragen, die mir bisher gestellt wurden. Also ja, ich fand, ihr habt übel gute Fragen gestellt.


Bilder: Myra Martin, Philipp Pohl, Robert Wollschlaeger, Neva/Sumeja, KI generiert (Info-Bild).


Donnerstag, 17. September 2026

Selbstoptimierung

Sozialer Kapitalismus: Looksmaxing, Hustle Culture und der Druck, endlich „genug“ zu sein – eine Generation vor Gefahren und dem Sehnen nach Verständnis. Ein Essay von Linus Seiffert (11b).



Ein Morgen wie jeder andere. Wir steigen aus dem Bett, greifen nach unserem Handy und tätigen einen kurzen Abstecher auf Instagram. Sofort erblicken wir einen Teenager, der heute schon um 5:30 Uhr im Fitnessstudio war, eine Medizinstudentin, welche bereits ihr fünftes Buch in dieser Woche liest, und den 16-jährigen Schüler, welcher sich neben der Schule ein eigenes Onlineunternehmen aufbaut, um „finanziell unabhängig zu werden“. Besser. Schneller. Disziplinierter. Genau dies ist der Eindruck, welcher uns sofort suggeriert wird. Meine Generation hat alles: Wissen, Möglichkeiten, Freiheit - und den fortwährenden Druck, immer mehr aus sich selbst zu machen.

Diese Lebensrealität ist nur eine von vielen Situationen, welche in ihrer Gesamtheit das Phänomen des „sozialen Kapitalismus“ konstituieren. Dabei handelt es sich nicht um einen wissenschaftlichen Begriff. Stattdessen definiere ich ihn nach eigenem Ermessen, da mir dieser Begriff in vielerlei Hinsicht als passend erscheint. Er wird hier bewusst nicht im klassischen wirtschaftlichen Sinne verwendet, sondern übertragen auf das Individuum. Der Mensch als Kapital und Objekt anstatt als individuelles Wesen und Subjekt. Genau wie im wirtschaftlichen Kapitalismus sind wir dazu angehalten, möglichst effizient zu handeln, Erfolge zu verbuchen und unsere „Arbeitskraft“ gegen soziales Prestige zu tauschen - kurz, die beste Version unserer selbst zu werden. Auch die Logik von Angebot und Nachfrage lässt sich übertragen. Genau wie auf dem freien Markt der Wert eines Objekts von seiner Nachfrage abhängt, scheint auch der Wert des Individuums zunehmend von seiner gesellschaftlichen Nachfrage abzuhängen. Wer attraktiv, erfolgreich oder leistungsfähig ist, der wird begehrt oder besonders wertgeschätzt.

Unsere eigene Arbeitskraft wird zur Ware, um sich im Wettstreit mit anderen behaupten zu können. Folglich wird der Mensch selbst zum Instrument seiner kontinuierlichen Selbstoptimierung und betreibt letztlich Selbstausbeutung.



Dabei lassen sich zwei verschiedene soziale Trends und Phänomene als seine Grundlage identifizieren.
  • „Hustle Culture“ (zu Deutsch etwa: „Schuftkultur“): Sie glorifiziert Arbeit, Disziplin und ständige Produktivität und vermittelt den Eindruck, Erfolg sei vor allem eine Frage von Härte und Selbstaufopferung. Ruhepausen, Hobbys und soziale Kontakte gelten als verpönt, denn alles, was kein Geld einbringt, wird kritisiert und gilt als verschwendete Zeit. Elon Musk, der bekannteste Verfechter dieser Lebenshaltung, lebt phasenweise selbst in seinen Fabriken, um dieser nachzukommen. Dennoch ist natürlich fragwürdig, inwiefern es für die „Hustle Culture“ spricht, wenn jemand wie Musk sie in den Himmel lobt; das zu beurteilen, ist wohl jedem selbst überlassen. Zwar in der Regel mit dem Berufsleben Erwachsener verbunden, lässt sich die Logik der „Hustle Culture“ jedoch aus meiner Sicht problemlos auf Schüler übertragen: die „akademische Hustle Culture“. Aus Arbeiten wird Lernen, aus Leistung werden Noten, aus Überstunden dauerhaftes Engagement und aus beruflichem Ehrgeiz der Anspruch an sich selbst, immer besser zu werden.
  • „Looksmaxing“ (zu Deutsch etwa: „Maximieren des Aussehens“): Hier versuchen vor allem junge Männer, ihre äußere Attraktivität gezielt zu optimieren. Schönheit ist durchaus wissenschaftlich belegt und längst nicht subjektiv, „Looksmaxing“-Anhänger gehen jedoch einen Schritt weiter: Sie bewerten Attraktivität per Punkteskala und erzeugen verschiedene „Kategorien“, welchen man dann zugeordnet wird. Während grundlegende Aspekte wie Sport oder Pflege unproblematisch erscheinen, zeigen sich insbesondere in bestimmten Online-Communities deutlich radikalere Ausprägungen dieses Trends. Manche junge Männer schlagen gezielt mit Hämmern auf ihre Gesichtsknochen, um diese zu zertrümmern. Ihnen wird vorgegaukelt, mit dieser Schönheitspraxis ein „männlicheres und markanteres Gesicht“ zu erzielen, stattdessen erreichen sie damit Knochen- und Gewebeschäden und riskieren ein Absterben des Kiefers. Der Mensch wird auf sein Gesicht reduziert, vermessen, bewertet und schließlich in eine Hierarchie eingeordnet. Begriffe wie „Alpha“, „Beta“ oder sogar „Untermensch“ werden verwendet. Richtig gehört, denn Teile der Online-Looksmaxing-Szene überschneiden sich mit rechtsextremen, frauenfeindlichen und sogenannten Incel-Communities.

Dabei wäre es jedoch zu einfach, diese Bewegungen allein anhand ihrer Extreme zu verurteilen. Darüber hinaus bringen beide Phänomene natürlich auch Vorteile mit sich. Schließlich ist es erst einmal löblich, bereits in jungen Jahren nach der „besten Version seiner selbst“ zu streben. Denn wie der American-Football-Trainer Vince Lombardi einmal sagte: „Perfektion ist nicht erreichbar. Aber wenn wir nach Perfektion streben, können wir Exzellenz erreichen.“ In Zeiten von Selbstbestimmung, Gleichheit und dem Aufbrechen von Rollenbildern sollte es obendrein als tugendhaft gelten, das Beste aus sich zu machen - wenn man denn nur einmal lebt, dann auch möglichst erfolgreich und gut.

Beide Bewegungen lassen sich daher dem Begriff der „Selbstoptimierung“ zuordnen. Wir werden zum Objekt, welches unterschiedlich „gut“ sein kann. Logischerweise streben wir in der Konsequenz danach, möglichst gut zu sein.

Besonders weil dieses Streben meist aus dem eigenen Inneren entsteht, ist es so wirkungsmächtig und wird von einem selbst als sinnvoll betrachtet - dabei übersehen wir fast immer den Punkt, an dem dies ins Negative umschlägt. Denn was zunächst wie Disziplin, Ehrgeiz und Selbstbestimmung erscheint, kann schleichend in einen Zustand permanenter Selbstüberforderung umschlagen. Es entspringt dem dauerhaften Leidensdruck und dem Gefühl, den unrealistischen Idealen von Influencern und der Gesellschaft nicht entsprechen zu können. Genau an diesem Punkt endet die legitime Selbstoptimierung und beginnt ein Zwang, der den Menschen nicht mehr stärkt, sondern ihn auf seine bloße Leistungsfähigkeit reduziert.

Schlussendlich kann ich Schüler nur inständig vor diesem Prozess warnen. Ich kenne ihn nicht nur aus der Theorie. Auch ich bin in den letzten Jahren der Mittelstufe immer tiefer in die beschriebene „akademische Hustle Culture“ geraten. Der Vergleich mit anderen und der eigene Druck, genug zu „leisten“, nicht zuletzt, um meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, wurde stetig größer. Schulische Erfolge wurden für mich nicht mehr nur zum Maßstab meiner Leistung, sondern zum Maßstab meines Wertes als Mensch, als Jugendlicher, als aufstrebender Mensch, welcher beabsichtigte, zu dieser einen „besten Version seiner selbst“ zu werden. Bestärkt durch den täglichen Kontakt mit Menschen auf Social Media, welche so unglaublich erfolgreicher und besser als ich selbst erschienen, verlor ich mich bisweilen im Lernen. Obschon ich meine „akademischen“ Ziele erreichte, blieb der erwartete und erhoffte Effekt, dieser eine Glücksmoment, oft aus. Genau hier liegt meines Erachtens das Problem im sozialen Kapitalismus. Besser. Schneller. Disziplinierter. Ihr solltet vermeiden, euren eigenen Wert an Leistung, Aussehen oder Erfolg zu knüpfen. Denn wenn ihr dauerhaft versucht, eine bessere Version von euch selbst zu werden, lauft ihr irgendwann Gefahr, die Person zu verachten, die ihr bereits seid. Ohne es zu merken, wird aus Selbstoptimierung Selbstablehnung. Ihr riskiert euch auf das Streben nach der einen Version eurer selbst zu versteifen, die ihr irgendwann zu erreichen gedenkt - ohne zu merken, dass ihr das längst seid: ein Individuum, ein einzigartiger Mensch. Und ehrlich gesagt ist das doch schon ziemlich viel, wenn nicht sogar „genug“.





Bilder: KI generiert, bearbeitet.

Mittwoch, 2. September 2026

Stadtführerin

Die meisten Jüngeren finden das Happy Rizzi House am spannendsten“. Ayham Haj Hammadeh (7a) interviewt die Braunschweiger Stadtführerin Sandra Fülling.

 

Können Sie uns etwas über Ihren Beruf als Stadtführerin erzählen?

Natürlich, gerne. Ich freue mich immer darauf, wenn Gäste hier nach Braunschweig zu Besuch kommen. Manche gehen ganz spontan in die Touristinfo und fragen, wann ist denn die nächste Stadtführung? Und manche landen dann bei mir oder bei meinen Kollegen. Oder es gibt eine Lehrerin zum Beispiel, die anruft und gerne eine Führung über Heinrich den Löwen hätte und über das Mittelalter in Braunschweig.

Hatten Sie schon mal negative Erlebnisse bei Stadtführungen?

Da muss ich ein bisschen überlegen. Richtig negativ noch nicht. Ich hatte bisher immer Glück und nette Menschen. Vielleicht gab es mal was Lustiges, aber richtig negativ nicht.

Was finden Sie am besten an Stadtführungen?

Na, auf neue Menschen kennenlernen, die Braunschweig kennenlernen wollen, und ihnen viel über die Stadt erzählen, die mir am Herzen liegt.

Können Sie uns von etwas Witzigem erzählen, was Ihnen mal passiert ist?

Ja, beispielsweise bin ich einmal mit einer Gruppe durch die Stadt gegangen und stand mit denen in der Nähe vom Domplatz. Auf einmal drehte sich meine Gruppe um, ich kriege ja nicht immer mit, was in meinem Rücken passiert, also, die guckten alle an mir vorbei und ich dachte, habe ich jetzt was Langweiliges erzählt? Was ist denn da passiert? Und dann drehe ich mich um und dann stand da eine Frau, die hatte auf ihrem Wollpullover zwei Wellensittiche. Die saßen da einfach, kleine Vögel, und sind am Arm auf und ab gekrabbelt und nicht weggeflogen. Die Gäste waren ganz verzückt und abgelenkt und ich meinte, tja, da kann ich auch nicht mehr mithalten mit meinem Programm, also, hier sieht man eine Kirche oder so.

Was ist Ihre Lieblingssehenswürdigkeit in Braunschweig?

Für mich ist das ganz klar alles, was mit Löwen zu tun hat. Das ist das Aushängeschild von Braunschweig und ich finde auch den originalen Löwen total beeindruckend. Wenn man dem mal Auge in Auge im Herzog Anton Ulrich Museum gegenüber gestanden hat, ist es schon beeindruckend, wie alt der ist.

Können Sie uns mehr über die Löwen erzählen, was ist so besonders daran?

Das Besondere ist wahrscheinlich, dass hier schon im 12.
Jahrhundert von Heinrich dem Löwen ein Denkmal errichtet worden ist, das in der Mitte hohl war. Das wurde hier auf dem Burgplatz errichtet als erste freistehende Hohlgussfigur. Das ist etwas ganz Besonderes, weil die Figur die Kraft und die Stärke des Herrschers damals im Mittelalter symbolisierte, also, von Heinrich dem Löwen. Sie zeigte eben: Ich bin der Herrscher und ich wohne hier und Braunschweig ist meine Hauptstadt.

Wie sieht Ihr Tag als Stadtführerin aus?

Einen typischen Tag gibt es eigentlich nicht. Wenn Gäste nach Braunschweig kommen oder eine Lehrerin, eine Gruppe oder eine Firma eine Führung bucht, ist natürlich nicht jeder Tag gleich. Die Menschen sagen ja nicht: „Morgen um sieben, übermorgen wieder um sieben und dann auch noch einmal um sieben.“ Stattdessen haben sie beispielsweise einen Termin oder eine Veranstaltung in Braunschweig, ein Meeting oder Ähnliches. Anschließend haben sie vielleicht Mittagspause und möchten gerne durch die Stadt spazieren und dabei etwas über Braunschweig erfahren.

Dann buchen sie eine Stadtführung, beispielsweise bei mir oder bei meinen Kolleginnen und Kollegen. Das kann am Nachmittag sein, aber während des Lichtparcours in Braunschweig beispielsweise auch einmal mitten in der Nacht, wenn die Lichter eingeschaltet sind. Dadurch ist jeder Tag abwechslungsreich und es gibt eben nicht immer das Gleiche.

Haben Sie noch einen anderen Job?

Ich mache das sozusagen als Teilzeitjob. Es gibt in Braunschweig nur wenige, die das als Vollzeitjob machen können, weil wir nicht so eine große Stadt sind. In Städten wie Hamburg, München, Berlin, da kann man hauptberuflich Stadtführungen anbieten. Hier gibt es vielleicht auch welche von meinen Kollegen, ich selbst aber nicht.

Machen Sie auch Stadtführungen für Leute, die kein Deutsch können?

Ja, es gibt natürlich englische Führungen, die biete ich auf jeden Fall auch an, und es gibt natürlich auch ganz viele andere Sprachen, die angeboten werden, leider nicht von mir. Ich habe mal versucht, spanische Führungen anzubieten, denn ich habe mal in Spanien gelebt. Aber wenn man die Sprache nicht jeden Tag benutzt, dann ist das weg und man erzählt nur komische Sachen, wenn Leute vor einem stehen, die die Sprache können.

Kommen eher mehr deutsche Gäste oder eher nicht deutsche?

Das ist inzwischen sehr gemischt. Aber viele trauen sich noch nicht, eine ganz deutsche Führung mitzumachen. Ich glaube, es sind immer noch mehr, die nach Braunschweig kommen und eine Führung auf Deutsch möchten, in anderen, großen Städten ist das vielleicht anders. Da gibt es bestimmt mehr internationale Gäste.

Wie alt sind Sie denn?

Ich bin 53.

Wie kann man Stadtführer werden? Muss man studieren?

Man muss dafür bisher noch nicht studieren. Die Ausbildung habe ich vor etwa zehn Jahren gemacht und sie dauerte ungefähr ein Dreivierteljahr. Das war auf Deutsch und Englisch und man musste eine richtige Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer ablegen. Man hat einen Probenrundgang gemacht und musste eine theoretische Prüfung ablegen. Hinterher bildet man sich natürlich selbst weiter. Ich habe aber auch etwas studiert, was mir hier weiterhilft. Ich komme aus der Touristik und habe früher im Reisebüro gearbeitet.


Was gefällt den Leuten, die Brauschweig zum ersten Mal besuchen, am besten?

Ich glaube, die meisten Jüngeren finden das Happy Rizzi House am spannendsten. Die sagen, boah, das ist ja toll, das gibt es ja nirgendwo anders. Das habe ich schon von vielen gehört. Viele sind aber auch vom Löwen begeistert oder vom M
agniviertel, weil das da so schöne alte Gassen hat, oder sie schwärmen vom Altstadtmarkt. Das ist auch etwas, was mir richtig am Herzen liegt.

Okay, das war es. Danke schön.

Ja, gerne.



Fotos: Ayham Haj Hammadeh, Sandra Fülling (Porträt).



Montag, 24. August 2026

Botanischer Garten

„Eine Lebenssammlung von Pflanzen“. Prof. Dr. Robert Hänsch, Leiter des Instituts für Pflanzenbiologie und des Botanischen Gartens, im Gespräch mit Luisa Hanke und Viktoria Palazzo (6a).



Unser Service für Eilige: eine KI-generierte Infografik mit den wichtigsten Informationen aus dem Text.


Was ist ein botanischer Garten?

Ein Ort, wo Pflanzen sind und man darüber etwas lernen kann. Wo Pflanzen gesammelt werden. Wo man als Student, Studentin lernen kann.

Aber das ist nicht alles. Was genauso wichtig ist: wo man Forschung betreiben kann. Und was auch genauso wichtig ist: wo man mit der Öffentlichkeit in Austausch treten kann. Wir haben ganz viele Besuchende, die hier vorbeikommen und sich einfach nur schöne Pflanzen angucken wollen.

Also: Sammeln von Pflanzen, Erhalten von Pflanzen, Vermehren von Pflanzen. Zum Teil auch gefährdete Arten, die man zum Beispiel wieder an den natürlichen Standort bringen kann. Es gibt ganz viele Funktionen eines botanischen Gartens.

Aber wenn man auf die Frage einfach nur antwortet, dann ist es eine Lebenssammlung von Pflanzen. Wir haben ungefähr 4.000 verschiedene Arten in unserem botanischen Garten. Das ist eine ordentliche Zahl, wenn man sich das überlegt, dass es in Deutschland insgesamt 4.000 unterschiedliche Arten gibt. Aber wir haben natürlich viele, die es in Deutschland nicht gibt. Wir haben viele Pflanzenarten, die aus der gesamten Welt stammen: aus den Tropen, aus den Subtropen, aus Wüstenregionen. Deswegen brauchen wir ja auch so etwas wie ein Tropenhaus, das Viktoriahaus, ein Kakteenhaus.

Was finden Sie, ist das Beste am Botanischen Garten?

Die vielen Pflanzen, die tollen Mitarbeiter und die ganz tollen Besucherinnen und Besucher. Und neugierige und aufgeweckte Kinder und Jugendliche, Schülerinnen und Schüler, wie ihr das seid.

Was ist das Anstrengendste, was man im Garten tut?

Wir müssen jedes Jahr im Frühjahr die Pflanzen, die über den Winter nicht draußen stehen können, weil sie erfrieren würden, aus dem Lagergewächshaus, der Orangerie, wieder rausstellen. Die Pflanzenkübel wiegen 100, 200 Kilo. Wenn ihr euch umschaut: Manche sind wirklich große Pflanzen. Wenn man die aus den Gewächshäusern rausholt und an den Ort stellt, wo sie den Sommer über sind, ist das eine echt anstrengende Arbeit.

Bei vielen anderen Sachen gibt es Hilfsmittel. Rasenmähen war früher sehr anstrengend, da gibt es heute einen Rasenmäher-Traktor. Äste, Hecken schneiden musste man früher mit einer Schere machen, da gibt es heute eine Heckenschere, die elektrisch funktioniert.

Welche Pflanze finden Sie am aufwendigsten?

Kennt ihr die Viktoria?

Ja, ich bin Viktoria.

Dann müssen wir deine Pflanze mal angucken gehen. Wir haben eine große Teichrose, die Viktoria. Die ist sehr aufwendig in der Betreuung.

Im Dezember oder Januar wird ein kleines Samenkorn in ein kleines Aquarium gelegt. Nicht eins, sondern ein paar. Dort muss dann dieses Samenkorn auskeimen. Das bildet eine kleine Viktoria. Das sind die Schwimmblätter, die ihr kennt. Wenn das geklappt hat, muss sie in ein großes Aquarium gesetzt werden, in unseren Versuchsgewächshäusern. Dort wächst sie dann weiter, und wenn sie gut gewachsen ist, kommt sie in ein großes Viktoria-Haus. Und dieses Viktoria-Haus muss vorbereitet werden. In der Mitte ist ein riesengroßer Pflanztopf. Den sehen wir gerade nicht mehr, weil da jetzt Wasser drüber ist. In den Pflanztopf hinein muss Erde, Dünger. Dann muss das ganze Becken mit Wasser geflutet werden. Wenn das Wasser drin ist, kann irgendwann die Pflanze eingesetzt werden. Dann braucht sie Nährstoffe, viel Licht und warmes Wasser. Das muss man ständig kontrollieren. Wenn es zu kalt ist, stirbt sie. Sie braucht viel Pflege. Wenn sie zu viele Blätter hat, muss man die Blätter rausschneiden, damit die nächsten Blätter wachsen können. Die sind ganz schön pieksig. Im Oktober muss man die Pflanze runterschneiden und das Wasser ablassen. Dann muss man den Pflanztopf entsorgen und die Samen einsammeln. Wenn man die Samen hat, lässt man sie noch zwei bis drei  Monate liegen. Dann werden sie wieder ausgesät. Und das jedes Jahr. Also, richtig aufwendig.


An welchem Tag arbeiten Sie am liebsten?

Ich arbeite eigentlich an jedem Tag gern. Ich komme auch Sonnabend und Sonntag gern. Vor zwei Wochen hatten wir Pflanzen- und Büchermarkt. Da sind ganz viele Pflanzen verkauft worden, ganz tolle Pflanzen. Es sind viele tolle Bücher verkauft worden. Manchmal haben wir auch Kakteenbörse. Dafür kommt man auch gern mal am Wochenende. Oder wenn ich in meinem Institut einen Versuch machen muss oder etwas anderes.

An welchem Tag arbeiten alle am liebsten?

Sagen wir mal, das ist nicht auf den Wochentag bezogen, sondern es ist nicht 35 Grad, sondern vielleicht 22 Grad. Die Sonne scheint nicht zu heiß. Es sind ein paar Wölken da, wo man draußen nett arbeiten kann. Wo die Arbeitsatmosphäre, das Klima stimmt. Es ist eher ein bisschen wetterabhängig.

Was machen alle am liebsten im Botanischen Garten?

Es ist immer eine große Freude, wenn wir unsere Pflanzen in kleinen Töpfen vorziehen. Wie man das zu Hause macht, wenn man Tomaten anzieht. Dann muss man sie aussäen, dann pikieren [= vereinzeln], dann auspflanzen. Das ist etwas, was bei jeder Pflanze anders ist.

Man kann ein ganzes Beet mit tollen Pflanzen, mit unterschiedlichen Farben der Blüten künstlerisch gestalten. Was natürlich keinen Spaß macht, ist das Unkraujäten oder den Rasen mähen, diese Routineaufgaben.

Spaß macht es, wenn man irgendwas Neues macht. Wenn man die neuen Samen auslegt, dann sieht man, wie so ein Samenkorn keimt und wie dieses Samenkorn eine kleine Pflanze bildet. Das ist toll.



Was ist Ihr Lieblingsteil im Botanischen Garten?

Das muss man davon abhängig machen, für was wir diesen Teil verwenden wollen. Wenn ich mit Studierenden im Botanischen Garten bin, dann finde ich einen Teil besonders toll, wo es ganz verschiedene Pflanzen gibt. Jede Pflanze gruppiert man in Familien und man sieht an der Blütenfarbe oder der Blütenform, das sind zwei, die zusammengehören. Da kann man mit den Studierenden hingehen und die unterschiedlichen Familien erklären.

Wenn ich aber einem Besucher etwas zeigen möchte, dann gibt es im Bauerngarten besonders schöne Pflanzen. Und wenn ich es mal ruhig haben will und ein bisschen Entspannung suche, dann gehe ich am liebsten in den Erweiterungsteil. Der ist auf der anderen Seite. Da gibt es unten an der Oker einen kleinen Teich, ein tolles Biotop. Da kommen keine Besucher hin, weil die meisten es nicht kennen. Da kann man sich ganz wunderbar ausruhen.

Je nachdem, über was ich gerade nachdenke, gehe ich zu unterschiedlichen Orten, und ja, unser Tropenhaus ist toll, das Viktoriahaus ist toll, unser Kakteenhaus ist toll, das Orchideenhaus ist toll, alles ist toll. Also, es gibt eigentlich keinen Lieblingsteil, sondern immer in Abhängigkeit von dem, was man gerade vorhat, geht man da oder dorthin.

Haben Sie eine bestimmte Lieblingspflanze?

Ja, wir haben eine riesengroße alte Buche, die ist 250 Jahre alt.

Eine ganz verrückte, ans Trockene angepasste Pflanze, die heißt Welwitschia mirabilis. Schon mal gehört? Die mag ich auch, weil sie es schafft, an Standorten in der Welt zu wachsen, wo nichts anderes wächst.

Eine Welwitschia in Namibia.

Wann wussten Sie, dass Sie in diesem Bereich arbeiten wollten?

In einem botanischen Garten oder in einem botanischen Institut?

Generell.

Na ja, ich würde denken, da war ich nicht viel älter, als ihr jetzt seid, da habe ich mir immer schon vorgestellt, mit Pflanzen arbeiten zu wollen. Also schon Ewigkeiten. Dass man Biologie studieren konnte, habe ich zu der Zeit noch nicht gewusst, aber dass man mit Pflanzen arbeiten möchte, das habe ich schon gewusst. Weil das Arbeiten mit Pflanzen so toll ist. Die Frage warum, ist total klar. Es ist so spannend. Wenn man sich überlegt: Die werden so alt. Pflanzen werden so groß. Die bilden so tolle Blüten. Die schaffen es, sich an alle Umweltbedingungen anzupassen. Die wachsen in der Wüste, die wachsen im Regenwald, die wachsen im Wasser, die wachsen unter Wasser. Überall. Außer da, wo die ganze Zeit Frost ist.

In was für Berufen arbeitet man hier eigentlich?

Im Garten sind es natürlich Gärtner und Gartenmeister. Ich zum Beispiel bin Diplom-Biologe, bin als Hochschullehrer unterwegs, bin in der Lehre, in der Forschung. Aber man braucht natürlich auch eine Sekretärin, die ein paar Dinge organisiert. Wir haben auch jemanden, der sich mit Technik auskennt. Ganz unterschiedlich.

Welche Pflanzen werden am ältesten?

In unserem botanischen Garten ist die älteste Pflanze eine Buche. Die ist 250 Jahre alt. Es gibt bei uns in Mitteleuropa andere Bäume, die auch noch älter werden als Buchen. Das sind zum Beispiel Eichen und Linden. Die können 500, 600 oder auch 800 Jahre alt werden. Und es gibt Bäume, die werden auch mal 3.000 oder 4.000 Jahre alt. Das ist aber eher selten. Es gibt ein paar Mammutbäume, die werden 1.000, 1.500 Jahre alt. Und es gibt zum Beispiel die Kiefern. Von denen weiß man, wenn die im Hochgebirge wachsen, wachsen die ganz langsam. Da gibt es wirklich welche, die sind so 4.000 Jahre alt. Wobei es richtig schwer ist, das nachzuweisen, weil man das kaum noch mit Jahresringen machen kann.

Welche Pflanzen sind eigentlich am seltensten hier im Garten?

Wir haben zum Beispiel sowohl im Freiland als auch im Gewächshaus verschiedene Orchideen. Orchideen sind stark gefährdete Pflanzen und damit sehr selten. Es gibt aber auch viele Pflanzen, die bei uns in Trockenrasenflächen vorkommen. Oder es gibt Pflanzen, die eher im alpinen Bereich vorkommen, also im Hochgebirge. Da haben wir auch einige.

Unsere nächste Frage wäre, was bieten Sie für Schulen an?

Für Schulen machen wir einerseits Führungen. Ich hatte letzte Woche eine Schulklasse hier, 13 Jahre alt, siebte Klasse, glaube ich. Die sind aus Göttingen hergekommen und mit denen habe ich eine Führung gemacht. Erst waren wir im Hörsaal, da habe ich eine kurze Vorlesung gehalten. Danach waren wir im Botanischen Garten.

Aber wir haben noch etwas viel Wichtigeres, wir haben die Grüne Schule. Und da muss man sagen, da muss man hin. Die ist hinter dem Dienstgebäude der Gärtner und den Gewächshäusern, ein altes, kleines Fachwerkhaus. Da meldet man sich als Schulklasse an und sagt, man möchte mit meiner Schulklasse 90 Minuten, zum Beispiel, durch den Garten laufen und sich Blütenpflanzen angucken.

Ich glaube, das haben wir auch gemacht mit meiner Klasse. Da haben wir eine Blüte auseinander genommen.

Wunderbar, Grüne Schule, das ist genau das.

Was finden Sie am Garten verbesserungswürdig?

Es gibt zwei Sachen, an denen wir gerade arbeiten. Wir haben hier den alten Teil des Botanischen Gartens, den jeder kennt. Und drüben gibt es einen neuen Teil, einen Erweiterungsteil, den kennt keiner. Im Augenblick, wenn man da hingehen will, muss man über die Humboldtstraße, dann muss man an einem großen Gebäude der Psychologie vorbei und noch zweimal um eine Ecke. Keiner findet es. Und man muss über die Straße.

Was wir gerade eben gemacht haben, ist, das

s wir angefangen haben, einen Weg zu bauen. Den Weg haben wir bis zur Brücke fertig. Es ist wichtig, dass wir auch den zweiten Weg noch schaffen, damit wir den Erweiterungsteil verbinden können mit dem alten Teil. Das werden wir aber erst im nächsten Jahr packen.

Und was auch für mich wichtig ist, ich weiß nicht, ob ihr das gesehen habt, hier waren früher Treppen. Das heißt, mit einem Kinderwagen, mit einem Rollator, Leute, die schlecht gehen konnten, konnte man nie in das Tropenhaus. Da ist jetzt keine Treppe mehr, da ist eine Rampe. Das heißt, man kann mit jeder Art von Hilfsmitteln runter.

Was wir hier in dem Teil nicht haben, ist eine behindertengerechte Toilette. Wir haben sie im Erweiterungsteil, aber da muss man erst rüber fahren. Es wäre schön, wenn wir auch hier eine behindertengerechte Toilette hinbekommen.

Ansonsten ist unser Garten ganz toll, wenn ihr da durchgeht, der ist wirklich gut in Ordnung. Wir haben ein ganz tolles Gärtnerteam, die organisieren alles, sieht einfach toll aus.

Wie lange arbeiten Sie eigentlich schon hier?

Ich bin in dem Haus seit 1992.

Was ist Ihre Lieblingspflanzenheimat?

Da muss man jetzt ehrlich sein: Es ist überall toll. Und ich bin überall schon gewesen, aber richtig auskennen tut man sich eigentlich nur hier. Also, deswegen: Mitteleuropa, vielleicht hier der Bereich von Niedersachsen, das ist schon toll. Aber ich bin auch in Nigeria schon gewesen, in Ghana, war also im tropischen Regenwald. Ich bin in Australien gewesen, habe mir dort die Wälder angesehen, ganz toll. Ich bin im Permafrostgebiet von China gewesen, großartig. Es gibt wahnsinnig tolle Gebiete.

Wir haben weltweit 360.000 Arten, sagt man. Und wenn man irgendwo anders hinfährt, dann weiß man plötzlich gar nichts mehr. Das ist deswegen auch für einen Botaniker schwer.

Was ist Ihre erfolgreichste Pflanze? Die Seerose oder?

Was meint erfolgreich? Also, dafür reisen Touristen an? Ja, dann würde ich sagen, das ist die Viktoria. Aber ich würde auch sagen, dass Orchideen ganz toll sind. Die meisten Leute gucken sich natürlich eher gerne Dinge an, die man nicht täglich sieht.

Weshalb fährt man zum Beispiel in einen Zoo? Weil man gerne Giraffen angucken will. Und nicht einen Hund. Und weshalb fährt man gerne in einen botanischen Garten? Weil man sich gerne einen Kaktus angucken will, einen Schwiegermutterstuhl zum Beispiel. Oder die Welwitschia oder die Viktoria, weil man die halt nicht täglich sieht.

Ansonsten muss man natürlich sagen, wenn man dieses „erfolgreich“ mal anders betrachtet. Dann ist es die Buche. Wenn wir hier Menschen nicht wären, dann wäre die Buche das.

Arbeiten Sie eher im Team oder nicht?

Unbedingt im Team. Die Frage gibt es eigentlich gar nicht. Wenn wir hier im Haus gucken, da gibt es das Forscherteam. Da hat jeder seine Aufgabe. Der eine ist besser in der einen

Technik, der andere besser in der anderen. Das ist bei dem Gartenteam genau dasselbe. Der eine ist besser im Gewächshaus, der andere ist besser draußen.

Wie ist der Gründer auf die Idee gekommen ist, diesen Garten zu eröffnen?

Naja, die Idee ist relativ einfach. Wir sind eine Uni und wir waren schon immer eine Uni. Die hieß damals anders, aber im Prinzip eine Lehreinrichtung. Und so, wie man in der Schule einen Schulgarten braucht, damit man Kindern beibringt, wie man eine Pflanze anzieht, brauchten wir hier einen Ort, wo man Pflanzen sammeln kann.

Damit man die Pflanzen zum Beispiel in einer Vorlesung oder einem Praktikum den Studierenden zeigen und sagen kann, so und so sieht eine Kartoffel aus, oder so wächst eine Tomate. In dem Fall waren es in der Regel pharmazeutisch wichtige Pflanzen, also irgendwelche Heilpflanzen, die man angezogen hat. Für die Lehre und für die Forschung braucht man Material zum Zeigen.

Der Garten ist 1840 gegründet worden. Also der Garten an dieser Stelle. Der Vorläufergarten ist ein paar Jahre vorher gegründet worden, 1828. Der war aber nicht hier, sondern auf der gegenüberliegenden Seite der Oker, da, wo jetzt die AOK steht.




Fotos: WGtarier, Welwitschia: von Ragnhild&Neil Crawford from Sweden - Welwitschia mirablis-1397, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75659010