Freitag, 10. Mai 2019

Essay: Altern

Altern – ein Grundrecht. Aus dem Fach Werte und Normen, 9. Jahrgang: ein Essay zur Frage „Ist es wünschenswert, äußerlich für immer jung zu bleiben?“ Von Iman Sibai.

Das Gemälde „Der Jungbrunnen“ von Lucas Cranach stammt aus dem Jahr 1546 und stellt einen riesigen Brunnen dar, welcher einst alte, von Männern herbeigekarrte Frauen verjüngen lässt, die sich nach dem Bad fein gekleidet gemeinsam mit Männern bei Speisen, Tänzen und Musik vergnügen. Aber warum wollten so viele Menschen für immer jung erscheinen? Ist es wirklich wünschenswert, das gesamte Leben in einer optisch immer wieder verjüngten, praktisch neuen Hülle zu verbringen?

Die spezielle Wirkung des Jungbrunnens zeigt, dass für die damalige Gesellschaft das Jungsein ein Schönheitsideal war und viele solch ein junges Aussehen anstrebten, wie zum Beispiel eine glatte, blasse Haut. Vermutlich hatten junge, schöne Frauen so einen gesellschaftlichen Vorteil und fanden leichter einen Lebenspartner.

Auch heutzutage lässt sich die Gesellschaft von jungen und „schönen“ oder künstlich verjüngten Models und Stars stark beeinflussen und nimmt sie sich zum Vorbild. Schönheitsideale der heutigen Zeit: Volle Lippen, dichtes, glänzendes Haar, straffe, reine Haut und ein schlanker, trainierter Körper. Nur so ist man perfekt und erfolgreich.

Je älter Menschen werden, umso stärker verändert sich der Körper. Falten, schlaffe Haut, graues, dünnes Haar. Wir werden unzufriedener mit uns selbst, zweifeln an uns, da wir die schönen Frauen und die gut durchtrainierten Männer auf Zeitschriften sehen – vergleichen uns mit den, in unseren Augen, perfekten Menschen dieser Welt und vergessen, dass auch sie Trauer, Sorgen, Schmerz und Selbstzweifel hinter ihrer Fassade verstecken. Also lösen wir unsere Probleme, indem wir unser Geld für Schönheits-OPs und Diäten ausgeben, nur um für die Außenwelt, die Gesellschaft, welche uns unter Druck setzt, jung und schön zu wirken. Perfekte Erscheinung, perfektes Leben.

Aber führen wir wirklich dieses perfekte Leben, wenn wir uns von der Welt durch Schönheitsideale und dieser ganz bestimmten Vorstellung quälen lassen? Wollen wir innerlich reifen und altern und äußerlich jung erscheinen? Ist es wirklich großartig, jung auszusehen bis man stirbt? Was wollen wir damit erreichen? Wir wollen glücklich und zufrieden mit unserem Aussehen sein, das wir von zweifelhaften Idealen ableiten. Je älter ein Mensch, desto schmerzhafter und anstrengender ist eine künstliche Verjüngung, desto tiefer fällt man, wenn die Wirkung nachlässt. Wir lassen uns zerstören, sowohl von den Menschen als auch von dem dauernden optischen Vergleich. Wir werden immer unzufriedener und sind gefangen in einem ewigen Teufelskreis.

Warum ist denn Schönheit für Menschen so wichtig? Klar, jeder Mensch sollte darauf achten, dass er gepflegt ist, jedoch ist Schönheit nur eine Maske. Auch wenn oft behauptet wird, man achte nicht auf das Aussehen, tun das immer noch viele, wenn auch unbewusst. Häufig sind „schönere“ Menschen viel erfolgreicher. Warum muss das so sein?

Was zählt, ist die innere Schönheit, die Persönlichkeit und eine positive Ausstrahlung. Was ist überhaupt so schlimm daran, „alt“ auszusehen, Falten zu haben? Vor allem Lach- und Denkfalten, die Lebensgeschichten erzählen und darauf hindeuten, lebenserfahren zu sein, ein schönes, manchmal trauriges, manchmal fröhliches Leben gehabt zu haben. Eben ein Mensch zu sein.

Überhaupt: Was ist mit Ärmeren oder Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung? Sind sie weniger schön? Bleibt ihnen Schönheit verwehrt, nur weil sie sich keine Operationen oder teure Mittel leisten können? Wer legt überhaupt fest, was „Schönsein“ ist? Fragen wir uns, warum wir einen Menschen „schön“ finden? Und finden wir ihn immer noch „schön“, wenn wir ihn besser kennengelernt haben? Sind ältere, künstlich aufgepumpte Menschen mit maskenhaften Gesichtern wirklich schön?

Sterben muss jeder, egal, wie er aussieht. Ist es nicht einfacher, sich von der Welt in einer alten, verbrauchten Hülle zu verabschieden? Dass wir alle altern und sterben, ist doch etwas, was uns alle gleich macht. Es ist wie ein Grundgesetz, der Tod behandelt uns alle gleich, egal wie wir aussehen und was wir erlebt haben. Niemand kann vor diesem Schritt fliehen. Sollten wir alle dann nicht auch das gleiche Recht haben, in Ruhe zu altern, ohne uns deswegen weniger wert fühlen zu müssen?

Ich bin der Meinung, dass es nicht wünschenswert ist, äußerlich für immer jung zu bleiben bzw. sich immer wieder äußerlich verjüngen zu lassen. Im Endeffekt sollte zwar jeder mit seinem Körper das tun, was er für richtig hält. Man sollte sich aber immer die Frage stellen, ob man dies für sich oder andere tue. Wir sind immer noch Menschen mit einer eigenen, besonderen Identität, mit Erfahrungen und wertvollen Erinnerungen. Wer tatsächlich für immer jung bleiben will, sollte jung sterben.



Freitag, 3. Mai 2019

Repair-AG

Schrott or not: Nicht wegwerfen, reparieren! Stella Schönke interviewt die Leiterin der Repair-AG, Frau Hühnlein


Wie sind sie auf die Idee mit der AG gekommen?
Die Idee hatte ich bei einer Fernsehsendung, in der eine komplette Waschmaschine wegen einer Banalität weggeworfen wurde - nur wegen eines herausgerutschten Kabels. In diesem Moment hat mich diese eigentlich ja bekannte Tatsache auf einmal so geärgert, dass ich überlegte, was ich gegen das unnötige Wegwerfen tun kann.
Da fielen mir unsere Schüler*innen ein: Viele sind interessiert, schlau und geschickt. Wenn das nicht eine zukunftsträchtige Chance ist. Also habe ich recherchiert, was an Schulen so läuft, und ein Besuch in einer Freien Schule in München zeigte, wie es gehen kann. Genau so hatte ich mir das vorgestellt!
Aktuell sind wir, meines Wissens, das einzige staatliche Gymnasium in Deutschland, das die Kunst des Reparierens weitergibt.

Was haben sie schon mit der Repair-AG erreicht?
Aktuell ist die Repair-AG stolz auf unseren Beitrag zum Wettbewerb des „Klimahelden e.V.“:
www.startnext.com/repairag-am-wg-bs
Gerade sind wir wegen des Stundenplanes nur 6. und 7. Klässler und der ganze Film ist von ihnen selbst gespielt, gedreht und geschnitten!
Unsere Aufgabe war es, eine crowdfunding-Aktion zu starten. Wenn wir den angestrebten Betrag erreichen, bekommen wir dieses Geld. Andernfalls erhalten die Spender ihr Geld zurück. Zusätzlich stehen wir im Wettbewerb mit unseren Konkurrenten, die versuchen, mehr Unterstützer zu haben als wir. Wenn aber wir die meisten Unterstützer haben, gewinnen wir den Wettbewerb und damit das Preisgeld.
Das heißt, es gilt: „Nicht viel, sondern viele!“ Wir brauchen nicht von jedem viel Geld, sondern von vielen Unterstützung, es kann auch wenig Geld sein. Unser Ziel ist: 500 x 5€ bis zum 5.5. Mit dem hoffentlich hohen Betrag wollen wir absichern, dass wir auch nach der Sanierung noch Werkbänke und Ähnliches haben und dass wir nicht mehr so stark von der Ausstattung der Ehrenamtlichen abhängig sind.
Wir haben erreicht, dass allen Reparateuren und „Kunden“ noch klarer ist, wie oft wirklich nur Kleinigkeiten die Funktion stören: Kontakte müssen gereinigt werden, ein Kabel ist herausrausgerutscht, eine Abdeckung hat sich verklemmt und deswegen blockiert der Schutzmechanismus etc. Nicht selten ist nach 5-10 min voll funktionsfähig, was sonst weggeworfen worden wäre: die Tastatur des Chemie-Laptops, der Fön, das Handrührgerät, der Entsafter, das Radio etc. Deswegen: Ab damit zur Repair-AG!

Sind viele Schüler am Reparieren interessiert?

Ja! Wenn man mit Schüler*innen ins Gespräch kommt, finden die meisten, dass wir die Müllberge reduzieren sollten. Sobald ihnen klar wird, wie sehr wir unsere Erde ausbeuten, indem wir Ressourcen verbrauchen, ohne, dass diese sich regenerieren können, und ohne, dass wir in Deutschland wirklich im großen Stil recyclen, dann merken sie noch deutlicher, wie wichtig das ist.
Spätestens seit „fridays for future“ ist vielen klar geworden, dass wir die Erde als unsere Lebensgrundlage besser schützen müssen. Tage wie der „earth overshoot day“ erinnern daran, dass wir unsere Erde nicht gut behandeln.
Zum praktischen Reparieren hatten wir ca. 15 Anmeldungen für die AG, leider klappte die Teilnahme dann bei einigen wegen des Stundenplanes doch nicht, andere hatten sich deswegen schon gar nicht angemeldet. Maximal sind wir bisher neun Leute gewesen. Was angesichts unserer zwei regelmäßig anwesenden ehrenamtlichen Reparateure aktuell ok ist.

Wie sehen Ihre Zukunftsplanungen in der AG aus?
Ein Ziel ist es, auch Eltern als Reparateure für die AG zu gewinnen, und wenn es nur für 1-3 Mal im Schuljahr ist. Wichtig ist, auch nach der Sanierung des Schulgebäudes noch reparieren zu können. Beim Bau meiner ehemaligen Schule bei Stade wurden Werkraum und eine Küche mit der Begründung abgelehnt, dass man so etwas an einem Gymnasium nicht bräuchte. Da ist es gut, selbst Geld in der Hand zu haben, um zu reagieren.
Die reparierenden Schüler*innen sollen immer routinierter werden, Fehler immer öfter selbst finden und dann möglichst alles selbst reparieren. Auch träumen wir von einer Homepage, auf der sich unsere Reparaturerfahrungen in Form einer Klassifizierung der Geräte als gut oder schwer reparierbar wiederfinden. Das Ziel wäre, dass man vor dem Kauf eines Produktes nachschauen kann, welches man überhaupt reparieren kann.

Geben viele Leute ihre kaputten Geräte zu ihrer AG, um sie reparieren zu lassen?
Das schwankt. Anfangs kam viel von den Lehrer*innen. Dann war wohl vieles weggearbeitet. Demnächst werden wir jahrgangsweise Eltern anbieten, uns an einem Nachmittag Dinge vorbeizubringen, die wir in den kommenden Wochen reparieren. Da wird es bestimmt viel mehr. Wir freuen uns darauf!

Kostet das Reparieren etwas?
Etwas reparieren zu lassen, kostet nichts! Nur die Ersatzteile werden, sofern sie bestellt werden durften, vom Besitzer des Gerätes erstattet. Natürlich freuen wir uns, wenn uns aktuell jemand dafür im „Klimahelden“-Wettbewerb unterstützt - und es vielen Leuten weitersagt. Wenn das Projekt vorbei ist, kann man uns über den Förderverein unter der auf der Schulhomepage angegebenen Kontonummer mit dem Verwendungszweck >„Repair-AG“ Gutes tun<.



Malteser Hilfsdienst

Nicht nur Rettungsdienst. Louis Ostrowski im Interview mit dem Rettungsstellenleiter des Malteser Hilfsdienstes Braunschweig, Jan Singelmann.



Was machen sie bei den Maltesern?
Ich bin als Rettungswachenleiter tätig, manage alles rund um das Thema Rettungsdienst und Krankentransport bei den Maltesern in Braunschweig. Darunter z. B. die Dienstplangestaltung, Lohnabrechnung, Verwaltung, führe Aufsicht über Beschaffungen, Fuhrpark und Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter. Außerdem bin ich Rettungsassistent und arbeite auch immer wieder auf unseren Rettungs- und Krankentransportwagen.


Was sind die Malteser, und was ist der Unterschied zwischen Malteser und Malteser Hilfsdienst?
Es gibt den Malteser Orden, dieser ist international aufgestellt und untersteht der katholischen Kirche in Rom. Auch in Deutschland gibt es die sog. Assoziation des Malteser-Orden mit Geistlichen und tatsächlich auch Rittern und Ordensdamen.
Der Malteser Hilfsdienst ist eine vom Malteser Orden und der Caritas 1953 gegründete Hilfsorganisation. Auch diese ist international tätig. In Deutschland kümmert sich die Hilfsorganisation um viele soziale Projekte: z. B.
  • Sanitätsdienste,
  • Katastrophenschutz,
  • Rettungsdienst,
  • Jugendarbeit,
  • Rettungshunde,
  • Besuchsdienste,
  • Erste Hilfe und Pflege-Ausbildung,
  • Demenzbegleitung,
  • Herzenswunschkrankenwagen,
  • Hausnotrufdienste,
  • Mahlzeitendienste,
  • Krankenhäuser,
  • Pflegeeinrichtungen,
  • Pflegedienste,
  • Schulbegleitung,
  • Schüler- und Behindertenfahrdienste. 

Was zeichnet den Rettungsdienst des Malteser Hilfsdienst aus?
Prinzipiell sind die Rettungsdienste der Hilfsorganisationen in Deutschland alle sehr ähnlich strukturiert. Ausbildung und Material sowie die Organisation des Rettungsdienstes gleichen sich bis auf kleine Unterschiede.
Das Besondere am Malteser Hilfsdienst ist der Bezug zum christlichen Glauben. Unser Antrieb sind Nächstenliebe und der Dienst am Bedürftigen. Dies versuchen wir im operativen Bereich wie auch in der Führung und Verwaltung zu leben.

Medumat (Beatmungsgerät).
Wie viele Rettungswagen und Krankenwagen hat der Malteser Hilfsdienst in Braunschweig?
In Braunschweig besetzen wir zwei Rettungswagen und zwei Krankentransportwagen. Ein Rettungswagen fährt 24 Stunden, sieben Tage die Woche, der zweite sechs Mal die Woche 12 Stunden. Die Krankentransportwagen fahren jeweils acht Stunden von Montag bis Sonntag.

Wie sieht der Alltag eines Rettungssanitäters aus?
Der Alltag im Rettungsdienst kann sehr unterschiedlich aussehen. Dienste im Krankentransport verlaufen etwas anders als z. B. in der Notfallrettung.
  • Der Tag in der Rettungswache beginnt mit dem Anziehen der Einsatzkleidung. Jeder Mitarbeiter hat eine persönliche Schutzausrüstung aus Jacke, Hose, Sicherheitsstiefeln und Helm.
  • Dann gehört es dazu, vor dem Dienstbeginn das Fahrzeug zu überprüfen. Das bedeutet, die technische Einrichtung des Fahrzeugs, wie Motor, Reifen, Fahrgestell werden überprüft. Ölstand, Kühlwasser, Wischwasser, Lichter und Sondersignalanlage werden kontrolliert. Dazu kommt dann die Überprüfung des medizinischen Materials, ausreichender Bestand an Medikamenten, Verbandmaterial, Infusionen, Sauerstoff usw. und die medizinischen Geräte, wie z. B. das EKG-Gerät werden auf ihre Funktion getestet. Einmal im Monat muss das gesamte Material auf Verfall kontrolliert werden.
  • Wenn mit dem Material alles in Ordnung ist, wird die Leitstelle der Feuerwehr angerufen und das Fahrzeug in Dienst gestellt. Es steht ab dann für Einsätze zur Verfügung. Die Mitarbeiter haben einen Pieper am Gürtel, der ausgelöst wird, wenn ein Einsatz für sie ansteht. Auf dem Melder werden dann die Dringlichkeit, also ob mit oder ohne Blaulicht gefahren wird, die Adresse und der Name des Patienten angezeigt, um die Einsatzstelle schnellstmöglich zu finden.
Notfallrucksack.
  • Einsatz: Zu vielen Einsätzen fährt ein Fahrzeug allein und das Rettungsteam kümmert sich eigenständig um die Patienten, regelmäßig kommen auch weitere Einsatzkräfte dazu, wie z. B. Notärzte, die mit separaten Fahrzeugen gefahren werden, die Feuerwehr oder Polizei.
  • Je nach Krankheitsbild werden die Patienten vom Rettungsteam versorgt. Das ist abhängig von der Schwere der Erkrankung oder Verletzung. Sehr typische Maßnahmen sind die Prüfung und Dokumentation der Vitalfunktionen, die Messung von Puls, Blutdruck, Blutzucker, Sauerstoffwerten und das Erfassen eines EKGs. Je nach Situation wird Sauerstoff verabreicht. Verletzungen werden versorgt, z. B. durch Verbände, Schienen, etc. Zur Gabe von Medikamenten und Infusionen dürfen die Rettungsdienst-Mitarbeiter auch venöse Zugänge legen. Dann wird der Patient in den Rettungswagen gebracht. Je nach Zustand mit unterschiedlichen Hilfsmitteln, wie Tragetüchern, Spineboard usw.
  • Wenn der Patient stabilisiert ist, erfolgt der Transport ins Krankenhaus oder andere Gesundheitseinrichtungen. Am Zielort wird der Patient an das Personal, z. B. die Pflegekräfte und Ärzte, übergeben. Parallel wird über jeden Einsatz ein Bericht angefertigt.
  • Nachdem der Patient abgegeben wurde, wird das Fahrzeug und Material wieder hergerichtet. Manchmal ist es erforderlich, direkt in die Wache zurückzufahren, um das Material dort wieder aufzufüllen, da wir manche Medikamente oder Geräte nur in begrenzter Anzahl mitführen. Zur Herrichtung des Materials gehört auch eine Desinfektion der benutzten Geräte, Materialien und Oberflächen.
  • Nach Beendigung des Einsatzes erfolgt dann die Meldung an die Leitstelle per Funk, dass das Fahrzeug wieder für einen neuen Einsatz bereit steht. Sollte kein neuer Einsatz vorliegen, fährt das Fahrzeug wieder zu seiner Rettungswache.
Signalpanel im Rettungsswagen.
Umfang der Einsätze:
  • Die Rettungswagen absolvieren etwa sechs bis zehn Einsätze innerhalb von zwölf Stunden.
  • Die Krankentransportwagen etwa sechs bis acht Einsätze innerhalb von acht Stunden. Es gibt nicht nur Einsätze im Stadtgebiet und den angrenzenden Ortschaften, sondern manchmal auch Transporte in das ganze Bundesgebiet. Dadurch sind manche Fahrzeuge auch die gesamte Schicht oder länger mit einem Einsatz beschäftigt.
Während der Zeit in der Rettungswache, wenn kein Einsatz zu absolvieren ist, sind Tagesaufgaben zu erledigen. Dazu gehört z. B. des Reinigen und Desinfizieren der Fahrzeuge, Fegen der Fahrzeughalle, Sortieren der Dienstkleidung, Aufräumen der Aufenthaltsräume, etc.
Zum Dienstende werden die Fahrzeuge desinfiziert und gereinigt und evtl. noch fehlendes Material aufgefüllt.

Was war ihr spannendster Einsatz?
Puh, schwere Frage, es gab viele spannende und lehrreiche Einsätze. Ein Einsatz, den ich sicherlich nicht vergessen wäre, war ein schwerer Stromunfall auf einem Eisenbahngelände.
Durch einen Unfall gab es Stromschlag und Lichtbogen durch eine Starkstromoberleitung der Eisenbahn. Dabei sind vier Personen wirklich sehr schwer verletzt und schwer verbrannt worden. Wir waren mit unserem Rettungswagen als erste vor Ort und mussten uns zeitgleich um mehrere Verletzte kümmern. Zum Einsatz kamen im Verlauf noch die Feuerwehr, mehrere Rettungswagen, Notärzte und Rettungshubschrauber.
Ich glaube, diese Eindrücke, Bilder aber auch die Geräusche und Gerüche, die wir dort erlebt haben, werde ich nicht vergessen.

Reanimation (Übung).
Wie sieht ihr Alltag als Rettungsstellenleiter aus?
Als Rettungswachenleiter habe ich mich um alle Belange zu kümmern, die im Zusammenhang mit dem Rettungsdienst und Krankentransport der Malteser in Braunschweig stehen zu kümmern. Vieles hat mit der Führung der Mitarbeiter zu tun. Wir haben insgesamt etwa 40 Mitarbeiter, der Großteil arbeitet in Voll- und Teilzeit und einige Kollegen arbeiten als Aushilfen bei uns.
Häufig geht es um die Vermittlung von Informationen, die Kontrolle und Überwachung rechtlicher Bestimmungen und den gemeinsamen Austausch mit den Kollegen und Vorgesetzten. Ein wichtiger Punkt ist die Erstellung des Dienstplanes und die Besetzung der Fahrzeuge bei Krankheitsausfällen. Hinzu kommen die Beschaffung und Verwaltung von Bekleidung und Ausrüstung, Arbeitsmaterial, Fahrzeugen und Geräten, die Unterweisung der Mitarbeiter, die Umsetzung des Qualitätsmanagement-Systems und arbeitsrechtlicher Bestimmung und die Aus- und Fortbildung der Kollegen. Hinzu kommen regelmäßige Besprechungen mit dem Träger des Rettungsdienstes (Stadt Braunschweig) und den anderen Hilfsorganisationen, mit den Vorgesetzten, mit anderen Dienstleitern der Maltesern aus den anderen haupt- und ehrenamtlichen Bereichen und natürlich auch die eigene Weiterbildung.


Was plant der Malteser Hilfsdienst in Braunschweig in Zukunft?
Auch wenn wir eine Hilfsorganisation mit sehr alten Wertevorstellungen sind, wollen wir keinen Stillstand, sondern suchen positive Veränderungen. Die Gesellschaft ändert sich und dem müssen wir uns anpassen. Gerade die sozialen Bereiche sind hier immer mehr gefragt.
Im Rettungsdienst versuchen wir, immer aktuell zu sein und den Patienten die bestmögliche Versorgung zu bieten. Das Ganze in Zusammenarbeit mit allen daran Beteiligten, wie den anderen Hilfsorganisationen, der Stadt, den Krankenhäusern, Pflegeheimen und Arztpraxen. Für die Mitarbeiter steht dabei eine Entlastung und Vereinfachung der Arbeit im Vordergrund, wie z. B. mehr Ergonomie bei der Arbeit. Die Entnahme von Geräten, elektrische Fahrtragen, Patiententransportstühle mit Raupenantrieb für Treppen usw.
Neben der Materialausstattung wollen wir aber auch möglichst die sozialen Aspekte verbessern, Mitwirkung an der Dienstplangestaltung, Bezahlung, Altersversorgung, Weiterbildung usw.
Im Allgemeinen wollen wir mehr soziale Dienste schaffen, wie z. B. Schulbegleitdienst, Unterstützungsangebote für Demenzkranke und ihre Pflegenden, Unterstützungen von Senioren im Alltag usw.

Hat sich die Arbeit des Rettungssanitäters in den letzten Jahren verändert? (Wegen Gaffen und Behinderungen)
Was man feststellen kann, ist, dass die Einsatzzahlen im Rettungsdienst steigen, nicht nur in Braunschweig, sondern im gesamten Bundesgebiet. Die Arbeitsbelastung nimmt zu. Darunter fällt auch die Anzahl an Einsätzen bei sogenannten Bagatellunfällen. Also leichte Erkrankungen oder Verletzungen, die nicht zwingend durch den Rettungsdienst behandelt werden müssten. Z. B. Fälle, in denen auch das Kleben eines Pflasters oder die Fahrt ins Krankenhaus mit dem eigenen PKW o. Ä. ausgereicht hätte.
Gott sei Dank muss man sagen, dass wir nur wenig bei unserer Arbeit behindert werden und es nur sehr selten zu Angriffen auf das Personal kommt. Das Gaffen ist im Zeitalter von Smartphones und Facebook einfacher und anonymer geworden. Aber wir sind uns der Zunahme bewusst und versuchen uns durch Schulung der Mitarbeiter vorzubereiten.

Was hat man beim Malteser Hilfsdienst für Karrierechancen?
Die Aufstiegschancen im Rettungsdienst sind überschaubar. Wer „Karriere“ machen möchte, muss sich weiterbilden. Studium, kaufmännische Ausbildung, Betriebswirtschaft, Gesundheitsmanagement. Dann sind auch Positionen in leitenden Funktionen, Geschäftsführung und Ähnliches möglich.
Die höchste medizinische Ausbildung im nicht-ärztlichen Bereich ist der Notfallsanitäter. Die Ausbildung dauert drei Jahre und man übernimmt dann die Verantwortung für die Versorgung der Patienten auf dem Rettungswagen, Auch der Einsatz auf Rettungshubschraubern und Notarztfahrzeugen wäre möglich. Darunter erfolgt seit der Ablösung des Rettungsassistenten die 4-monatige Ausbildung zum Rettungssanitäter. Der Rettungssanitäter wird als Assistent des Notfallsanitäters auf Rettungswagen und als Verantwortlicher auf Krankentransportwagen eingesetzt.
Es besteht die Möglichkeit, als Notfallsanitäter die Ausbildung zum Praxisanleiter und Dozenten zu machen, um neue Notfallsanitäter an den Rettungswachen oder Rettungsschulen auszubilden.

Haben Sie schon mal überlegt, aufzuhören und wenn ja, warum?
In meiner Anfangszeit habe ich mehrmals versucht, einen Platz für‘s Medizinstudium zu bekommen. Das wäre dann Grund für mich gewesen, zu kündigen. Da das aber nicht geklappt hat und ich weitere Versuche aufgegeben habe, bin ich dabei geblieben. Und diesen Schritt habe ich auch nie bereut.


Fotos: MHD