Sozialer Kapitalismus: Looksmaxing, Hustle Culture und der Druck, endlich „genug“ zu sein – eine Generation vor Gefahren und dem Sehnen nach Verständnis. Ein Essay von Linus Seiffert (11b).
Ein Morgen wie jeder andere. Wir steigen aus dem Bett, greifen nach unserem Handy und tätigen einen kurzen Abstecher auf Instagram. Sofort erblicken wir einen Teenager, der heute schon um 5:30 Uhr im Fitnessstudio war, eine Medizinstudentin, welche bereits ihr fünftes Buch in dieser Woche liest, und den 16-jährigen Schüler, welcher sich neben der Schule ein eigenes Onlineunternehmen aufbaut, um „finanziell unabhängig zu werden“. Besser. Schneller. Disziplinierter. Genau dies ist der Eindruck, welcher uns sofort suggeriert wird. Meine Generation hat alles: Wissen, Möglichkeiten, Freiheit - und den fortwährenden Druck, immer mehr aus sich selbst zu machen.
Diese Lebensrealität ist nur eine von vielen Situationen, welche in ihrer Gesamtheit das Phänomen des „sozialen Kapitalismus“ konstituieren. Dabei handelt es sich nicht um einen wissenschaftlichen Begriff. Stattdessen definiere ich ihn nach eigenem Ermessen, da mir dieser Begriff in vielerlei Hinsicht als passend erscheint. Er wird hier bewusst nicht im klassischen wirtschaftlichen Sinne verwendet, sondern übertragen auf das Individuum. Der Mensch als Kapital und Objekt anstatt als individuelles Wesen und Subjekt. Genau wie im wirtschaftlichen Kapitalismus sind wir dazu angehalten, möglichst effizient zu handeln, Erfolge zu verbuchen und unsere „Arbeitskraft“ gegen soziales Prestige zu tauschen - kurz, die beste Version unserer selbst zu werden. Auch die Logik von Angebot und Nachfrage lässt sich übertragen. Genau wie auf dem freien Markt der Wert eines Objekts von seiner Nachfrage abhängt, scheint auch der Wert des Individuums zunehmend von seiner gesellschaftlichen Nachfrage abzuhängen. Wer attraktiv, erfolgreich oder leistungsfähig ist, der wird begehrt oder besonders wertgeschätzt.
Unsere eigene Arbeitskraft wird zur Ware, um sich im Wettstreit mit anderen behaupten zu können. Folglich wird der Mensch selbst zum Instrument seiner kontinuierlichen Selbstoptimierung und betreibt letztlich Selbstausbeutung.
Dabei lassen sich zwei verschiedene soziale Trends und Phänomene als seine Grundlage identifizieren.
- „Hustle Culture“ (zu Deutsch etwa: „Schuftkultur“): Sie glorifiziert Arbeit, Disziplin und ständige Produktivität und vermittelt den Eindruck, Erfolg sei vor allem eine Frage von Härte und Selbstaufopferung. Ruhepausen, Hobbys und soziale Kontakte gelten als verpönt, denn alles, was kein Geld einbringt, wird kritisiert und gilt als verschwendete Zeit. Elon Musk, der bekannteste Verfechter dieser Lebenshaltung, lebt phasenweise selbst in seinen Fabriken, um dieser nachzukommen. Dennoch ist natürlich fragwürdig, inwiefern es für die „Hustle Culture“ spricht, wenn jemand wie Musk sie in den Himmel lobt; das zu beurteilen, ist wohl jedem selbst überlassen. Zwar in der Regel mit dem Berufsleben Erwachsener verbunden, lässt sich die Logik der „Hustle Culture“ jedoch aus meiner Sicht problemlos auf Schüler übertragen: die „akademische Hustle Culture“. Aus Arbeiten wird Lernen, aus Leistung werden Noten, aus Überstunden dauerhaftes Engagement und aus beruflichem Ehrgeiz der Anspruch an sich selbst, immer besser zu werden.
- „Looksmaxing“ (zu Deutsch etwa: „Maximieren des Aussehens“): Hier versuchen vor allem junge Männer, ihre äußere Attraktivität gezielt zu optimieren. Schönheit ist durchaus wissenschaftlich belegt und längst nicht subjektiv, „Looksmaxing“-Anhänger gehen jedoch einen Schritt weiter: Sie bewerten Attraktivität per Punkteskala und erzeugen verschiedene „Kategorien“, welchen man dann zugeordnet wird. Während grundlegende Aspekte wie Sport oder Pflege unproblematisch erscheinen, zeigen sich insbesondere in bestimmten Online-Communities deutlich radikalere Ausprägungen dieses Trends. Manche junge Männer schlagen gezielt mit Hämmern auf ihre Gesichtsknochen, um diese zu zertrümmern. Ihnen wird vorgegaukelt, mit dieser Schönheitspraxis ein „männlicheres und markanteres Gesicht“ zu erzielen, stattdessen erreichen sie damit Knochen- und Gewebeschäden und riskieren ein Absterben des Kiefers. Der Mensch wird auf sein Gesicht reduziert, vermessen, bewertet und schließlich in eine Hierarchie eingeordnet. Begriffe wie „Alpha“, „Beta“ oder sogar „Untermensch“ werden verwendet. Richtig gehört, denn Teile der Online-Looksmaxing-Szene überschneiden sich mit rechtsextremen, frauenfeindlichen und sogenannten Incel-Communities.
Dabei wäre es jedoch zu einfach, diese Bewegungen allein anhand ihrer Extreme zu verurteilen. Darüber hinaus bringen beide Phänomene natürlich auch Vorteile mit sich. Schließlich ist es erst einmal löblich, bereits in jungen Jahren nach der „besten Version seiner selbst“ zu streben. Denn wie der American-Football-Trainer Vince Lombardi einmal sagte: „Perfektion ist nicht erreichbar. Aber wenn wir nach Perfektion streben, können wir Exzellenz erreichen.“ In Zeiten von Selbstbestimmung, Gleichheit und dem Aufbrechen von Rollenbildern sollte es obendrein als tugendhaft gelten, das Beste aus sich zu machen - wenn man denn nur einmal lebt, dann auch möglichst erfolgreich und gut.
Beide Bewegungen lassen sich daher dem Begriff der „Selbstoptimierung“ zuordnen. Wir werden zum Objekt, welches unterschiedlich „gut“ sein kann. Logischerweise streben wir in der Konsequenz danach, möglichst gut zu sein.
Besonders weil dieses Streben meist aus dem eigenen Inneren entsteht, ist es so wirkungsmächtig und wird von einem selbst als sinnvoll betrachtet - dabei übersehen wir fast immer den Punkt, an dem dies ins Negative umschlägt. Denn was zunächst wie Disziplin, Ehrgeiz und Selbstbestimmung erscheint, kann schleichend in einen Zustand permanenter Selbstüberforderung umschlagen. Es entspringt dem dauerhaften Leidensdruck und dem Gefühl, den unrealistischen Idealen von Influencern und der Gesellschaft nicht entsprechen zu können. Genau an diesem Punkt endet die legitime Selbstoptimierung und beginnt ein Zwang, der den Menschen nicht mehr stärkt, sondern ihn auf seine bloße Leistungsfähigkeit reduziert.
Schlussendlich kann ich Schüler nur inständig vor diesem Prozess warnen. Ich kenne ihn nicht nur aus der Theorie. Auch ich bin in den letzten Jahren der Mittelstufe immer tiefer in die beschriebene „akademische Hustle Culture“ geraten. Der Vergleich mit anderen und der eigene Druck, genug zu „leisten“, nicht zuletzt, um meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, wurde stetig größer. Schulische Erfolge wurden für mich nicht mehr nur zum Maßstab meiner Leistung, sondern zum Maßstab meines Wertes als Mensch, als Jugendlicher, als aufstrebender Mensch, welcher beabsichtigte, zu dieser einen „besten Version seiner selbst“ zu werden. Bestärkt durch den täglichen Kontakt mit Menschen auf Social Media, welche so unglaublich erfolgreicher und besser als ich selbst erschienen, verlor ich mich bisweilen im Lernen. Obschon ich meine „akademischen“ Ziele erreichte, blieb der erwartete und erhoffte Effekt, dieser eine Glücksmoment, oft aus. Genau hier liegt meines Erachtens das Problem im sozialen Kapitalismus. Besser. Schneller. Disziplinierter. Ihr solltet vermeiden, euren eigenen Wert an Leistung, Aussehen oder Erfolg zu knüpfen. Denn wenn ihr dauerhaft versucht, eine bessere Version von euch selbst zu werden, lauft ihr irgendwann Gefahr, die Person zu verachten, die ihr bereits seid. Ohne es zu merken, wird aus Selbstoptimierung Selbstablehnung. Ihr riskiert euch auf das Streben nach der einen Version eurer selbst zu versteifen, die ihr irgendwann zu erreichen gedenkt - ohne zu merken, dass ihr das längst seid: ein Individuum, ein einzigartiger Mensch. Und ehrlich gesagt ist das doch schon ziemlich viel, wenn nicht sogar „genug“.
Bilder: KI generiert, bearbeitet.


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