Sonntag, 16. August 2026

Liebe

„Wie kann ein Mensch zugleich Wunde und Pflaster sein?” Ein Essay von Halla Naameh (11b).



 

In Liebesgeschichten, romantischen Filmen und auch im echten Leben hört man oft den Satz: „Ein Mensch kann sowohl die Wunde als auch das Pflaster sein.“

Doch ich habe mich gefragt, wie kann eine Person gleichzeitig Schmerz und Heilung sein? Wie kann es sein, dass man sich jemandem so nah fühlt und gleichzeitig innerlich so weit entfernt? Sind es vielleicht einfach die falschen Menschen, die uns glücklich machen und uns am Ende doch mit einem schlechten Gefühl zurücklassen? Und wenn ja, warum? Warum schmerzt unser Herz manchmal so sehr und wir machen trotzdem weiter?

Wenn man sagt, ein Mensch könne gleichzeitig Wunde und Pflaster sein, klingt das zunächst romantisch. Wir konzentrieren uns auf das „Pflaster“ und vergessen dabei oft, warum die Wunde überhaupt entstanden ist. Die Vorstellung, dass eine Person gleichzeitig Problem und Lösung sein kann, wirkt beinahe schön. Doch die Realität ist deutlich komplizierter.

Ein Grund dafür liegt vielleicht auch in der Welt, in der wir heute leben. Social Media setzt uns nämlich selbst in der Liebe unter Druck. Jeder zweite Beitrag, jedes zweite Reel vermittelt dieselbe Botschaft: Antworte nicht zu schnell, schreib nicht zuerst, gestehe niemals zu viele Gefühle und zeige bloß nicht zu viel Interesse. Geduld wirkt plötzlich wie Schwäche, obwohl sie in einer Zeit vor Social Media oft als Zeichen echter Liebe galt.

Dadurch sind wir an einem Punkt angekommen, an dem viele Menschen Angst davor haben, ihre echten Gefühle zu zeigen. Aus Angst vor Zurückweisung verstecken wir Emotionen lieber, statt offen zu sein. Missverständnisse verstärken diese Unsicherheit zusätzlich, bis wir uns irgendwann selbst darin verlieren. Es wirkt fast so, als gäbe es eine bestimmte Form, in die Liebe hineinpassen muss und wenn sie anders aussieht, sei sie nicht „richtig“.

Dabei bringt uns Social Media kaum noch bei, Menschen einfach auf ihre eigene Art zu lieben. Stattdessen lernen wir ständig Regeln darüber, wie man wirken soll. Doch Liebe entsteht nicht durch Spielchen oder vorgeschriebene Verhaltensweisen. Sie entsteht zwischen zwei Menschen. Wenn einer von beiden ein falsches oder unrealistisches Bild von Liebe entwickelt, kann das den anderen verletzen oder unter Druck setzen.

Oft merken wir gar nicht, dass wir uns dadurch in einem Teufelskreis befinden. Wir verlieren langsam die Fähigkeit, ehrlich zu fühlen, weil andere für uns definieren, was Liebe angeblich sein soll. Dabei gibt es keine allgemeingültige Definition von Liebe. Dies zeigt sich etwa bei dem Philosophen Erich Fromm, der Liebe nicht als eine feste Empfindung, sondern als eine Kunst auffasste, die jeder Mensch auf seine eigene Weise verwirklicht. Jeder Mensch liebt auf seine eigene Weise. Trotzdem versuchen wir immer häufiger, alle Gefühle in dieselbe Form zu pressen und vergessen dabei, dass echte Liebe gerade durch ihre Unterschiede entsteht.

Doch gesellschaftliche Einflüsse allein erklären nicht, warum Liebe uns so tief berührt. Ein Blick auf die biologischen Prozesse zeigt, dass auch unser Körper eine wichtige Rolle spielt. Verliebtsein mag oft wie etwas Magisches erscheinen, biologisch betrachtet ist es jedoch ein komplexes Zusammenspiel aus Gehirn, Hormonen und Nervensystem. Sobald wir jemanden attraktiv finden, aktiviert unser Gehirn das Belohnungssystem. Dabei spielt Dopamin eine zentrale Rolle. Es sorgt für Glücksgefühle, Motivation und Energie. Viele kennen dieses Gefühl, wenn man etwas erreicht, worauf man stolz ist. Beim Verlieben passiert etwas Ähnliches nur deutlich intensiver. Deshalb denken Verliebte oft ständig an die andere Person.

Gleichzeitig wird Noradrenalin ausgeschüttet. Dadurch gerät der Körper in eine Art angenehmen Alarmzustand. Das Herz schlägt schneller, man ist aufgeregt, die Hände zittern vielleicht und dieses berühmte Kribbeln im Bauch entsteht. Parallel dazu sinkt häufig der Serotoninspiegel. Das kann dazu führen, dass wir uns stark auf eine Person fixieren und sie kaum noch aus dem Kopf bekommen.

Außerdem arbeitet der Bereich im Gehirn, der für kritisches Denken zuständig ist, während der Verliebtheitsphase weniger aktiv. Deshalb sehen wir die andere Person oft durch die sogenannte „rosarote Brille“. Schwächen werden ausgeblendet oder wirken plötzlich unwichtig. Wenn die Gefühle später schwächer werden, fragen wir uns  manchmal: „Wie konnte ich mich nur in diese Person verlieben?“

Dabei hat sich die Person vielleicht gar nicht verändert nur unsere Wahrnehmung.

Wenn aus Verliebtheit eine tiefere Bindung entsteht, kommt ein weiteres Hormon ins Spiel: Oxytocin, auch bekannt als Bindungs- oder Kuschelhormon. Es sorgt für Vertrauen, Nähe und Sicherheit. Mit der Zeit wird aus intensiver Verliebtheit eine ruhigere, stabilere Verbundenheit. In unserem Körper passiert also unglaublich viel, wenn wir lieben

Doch die eigentliche Frage bleibt: Wie kann eine Person gleichzeitig Wunde und Pflaster sein?

Vielleicht liegt die Antwort gar nicht nur in der anderen Person, sondern auch in uns selbst. Vielleicht fühlt es sich deshalb so an, als könne ein Mensch zugleich Wunde und Pflaster sein. Je wichtiger uns jemand wird, desto größer ist die Chance, Geborgenheit und Nähe zu erfahren, aber auch das Risiko, verletzt zu werden. Nähe schafft Vertrauen, macht uns jedoch gleichzeitig verletzlich. Genau deshalb entstehen Trost und Schmerz oft aus derselben Verbindung. Heilung entsteht durch Nähe, Geborgenheit und gemeinsame schöne Momente. Schmerz hingegen entsteht, wenn wir jemanden lieben, der uns nicht guttut oder nicht wirklich zu uns passt. Vielleicht ist das „Pflaster“ also gar nicht die Person selbst, sondern das, was sie in uns auslöst: Hoffnung, Gefühle und das tiefe Bedürfnis nach Nähe. Die Wunde hingegen entsteht oft dann, wenn die Realität nicht mit unseren Vorstellungen übereinstimmt. Man könnte es mit einem Glassplitter vergleichen: Das Glas verursacht die Verletzung, doch das Pflaster kommt von uns selbst. Heilung beginnt nicht außerhalb von uns, sondern in unserem eigenen Umgang mit Gefühlen.

Genau hier entsteht auch die Gefahr, Liebe mit Selbstverlust zu verwechseln. Soziale Medien romantisieren oft ungesunde Beziehungen. Aussagen wie „Für die Liebe würde ich alles aufgeben“ oder „Eine Person kann gleichzeitig Wunde und Pflaster sein“ klingen tiefgründig und romantisch, können aber gefährlich sein. Liebe sollte nicht bedeuten, sich selbst zu verlieren.

Wie oft haben Freunde schon gesagt:

„Pass auf, du gibst gerade alles für diese Person auf.“

Und trotzdem wollten wir es nicht hören, weil wir dachten:

„Aber das ist doch Liebe.“

Wenn wir dieselbe Situation bei jemand anderem beobachten, erkennen wir oft sofort, dass sie nicht gesund ist. Bei uns selbst fällt das deutlich schwerer. Vielleicht gerade deshalb, weil Liebe unsere Sicht verändert.

Am Ende bleibt vielleicht nicht die Frage, ob ein Mensch gleichzeitig Wunde und Pflaster sein kann. Vielleicht sollten wir uns vielmehr fragen, warum wir manchmal erwarten, dass jemand anderes heilt, was in uns verletzt wurde. Ein Mensch kann uns Nähe schenken, uns auffangen und begleiten. Doch die eigentliche Heilung entsteht nicht durch ihn, sondern durch unseren Umgang mit dem, was wir fühlen. Liebe kann uns Halt geben, aber sie sollte nicht zur Bedingung dafür werden, dass wir uns selbst wertvoll fühlen. Denn Liebe wird nicht dadurch größer, dass wir uns selbst verlieren. Sie wird größer, wenn wir uns selbst treu bleiben. Ein Mensch kann ein Teil unseres Weges sein, aber niemals unser ganzer Weg. Vielleicht geht es also gar nicht darum, ob jemand Pflaster oder Wunde ist. Vielleicht geht es vielmehr darum, ob wir uns selbst bewahren können, während wir lieben. Denn echte Liebe sollte uns nicht kleiner machen, sondern wachsen lassen.


Bild: Hello Cdd 20 Pixabay


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