Sonntag, 5. Januar 2020

Essay: dontdoinstagram




#dontdoinstagram – nein ehrlich, ist gefährlich. Von Lea Sgorsaly


Als ich acht war klopftest du ganz leise, gar schüchtern an meine Tür. Nach einem Sportwettkampf stand eine fremde Frau vor mir und sagte: „Kind, iss mal mehr. Das sieht doch nicht mehr schön aus.“


Mit zehn tratst du die Tür meiner Wohnung ein, machtest es dir ungeladen auf meinem Sofa gemütlich und schienst nicht mehr gehen zu wollen. Meine Nachbarin erzählte mir, dass alle jungen Frauen doch heute diese Lücke zwischen den Oberschenkeln hätten und fragte, warum ich nicht.

Ich war verwirrt.

Mit 13 branntest du rigoros mein Haus herunter, mir blieb ein einziger Trümmerhaufen.

Ich sah diese Lücke überall auf Instagram, thigh gap heißt sie also. Werde ich mal so aussehen wie sie? Ich sehnte mich nach Veränderung. Es fiel mir nicht schwer einen Trainingsplan zu erstellen, denn semiprofessionelle Influencer*innen posten täglich ihre Workouts, die wirklich und auf jeden Fall bei jedem Körper Wunder verschaffen werden.

Na dann los.

Gescheitert.

Sag mir, wäre ich hübscher, nochmal 10 kg leichter, 5 cm größer und meine Haare 30 cm länger, wärst du geblieben?

Mit 16 erkannte ich dass ich dich wohl nie kriegen werde, dass ich nie wie die Mädchen im Internet aussehen werde, dass mein Körper mein einziges Zuhause ist und dass ihn zu lieben und zu akzeptieren die wichtigste Aufgabe meines Lebens ist und dass ich mein eigenes Ideal bin. Entfolgt bin ich allen, bis auf einigen, mir vertrauten Personen. Nicht, weil ich sie nicht immer noch wunderschön und interessant finde, nicht, weil ich glaube, sie verdienen keine Followers, nicht, weil ich konventionell attraktive Frauen und Männer diskreditieren möchte, sondern bloß, weil es mir nicht gut tut, mich mit Content zu konfrontieren, der mir vor Augen führt, was mir alles fehlt, von was ich zu viel habe, und dass ich dich nie kriegen werde.


Du, liebe Bikinifigur, sitzt mir wie der Schalk im Nacken, nur dass du so gar nicht amüsant bist und lieb schon gar nicht. Du kommst nicht alleine, nein, du kommst mit deiner ganzen Bande. Das Schubladendenken, dein Verbündeter. Der Standard, dein bester Freund. Gut ist, wer in diesem Strom lebt. Aber daran ist so gar nichts gut. Wie furchtbar zu denken, du wärst alleine auf dieser Welt. Es gibt dich in allen Formen und Farben und davon ist jede individuelle Bikinifigur unvergleichlich schön. Wer von einem Strom eingesogen wird, verliert irgendwann seine Individualität. Schneller als gedacht, untergegangen und weggespült.

Also lasst uns auf uns vertrauen, unseren Weg, unser Gefühl. Lasst uns lernen, dass unseren Körper zu lieben und akzeptieren doch das ist, was uns manchmal fehlt. Wenn das geschafft ist, dann setzen wir uns gemeinsam ganz ungefiltert an den Strand, lassen unsere Problemzonen Problemzonen sein und trinken eine kalte Limonade.

Fotos: Lea Sgorsaly

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